Anfahrt Fes

Medina von Fes

Fr., 09.11.2018, Anfahrt Fes Flughafen, 72 km

Wir sind heute schon um 6:00 Uhr aufgestanden, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. Zweieinhalb Tage Fès sind nicht wirklich viel, da müssen wir uns sputen. Gegen 9:00 Uhr treffen wir am Flughafen mit voll betanktem und immer noch sauberem Fahrzeug ein. Nach kurzer Kontrolle wird unser Fahrzeug übernommen und wir können uns auf den Weg in die Stadt machen. Eigentlich hätten wir nun ein Taxi nehmen und bequem in die Stadt fahren können. Unweit unseres Übergabeplatzes steht jedoch gegenüber der Haltestelle der Airport Shuttle. Also überlegen wir uns den einmal auszuprobieren, um beurteilen zu können, ob man dieses Transportmittel weiterempfehlen kann. Der Bus fährt alle halbe Stunde, wir sind völlig allein an der Haltestelle und fragen uns schon, wie sich das rechnen soll. Nach 10 Minuten wirft der Fahrer den Diesel an, macht einen U-Turn, stoppt unmittelbar vor uns und öffnet die vordere Tür.

Doch mit dem Einstieg ist das gar nicht so einfach, denn den blockiert ein recht massiv ausgeführtes Drehkreuz. So etwas haben wir in einem Bus noch nicht gesehen. Für Personen mag das noch kein Problem sein, aber mit unserem Gepäck ist das eine echte Hürde. Michael zwängt sich mit seinem Koffer gerade noch so durch, Angelika wäre da ohne Hilfe nie hineingekommen. Das soll ein Airport-Zubringer sein, wo doch alle Fahrgäste mit mehr oder minder großen Gepäckstücken unterwegs sind? Man fragt sich auch, was passiert eigentlich bei einem Unfall oder bei einem Brand, wenn die Leute das Fahrzeug schnellstens verlassen müssen? Mit den Drehkreuzen ein Ding der Unmöglichkeit. Die Busse darf man eigentlich nur mit einem spitzen Hammer bewaffnet betreten, um im Fall des Falles die Fenster einschlagen zu können. Angelika würde am liebsten gleich wieder aussteigen, aber Michael zieht das jetzt durch.

In der Mitte des Busses gibt es nur wenige Sitzplätze, was Michael so interpretiert, dass dort Platz gelassen wurde, um eine vermeintliche Vielzahl an Koffern aufnehmen zu können, wenn gerade ein Flieger kommt und viele Leute in die Stadt wollen. Was uns dann aber wieder ein wenig stutzig macht, ist der Zustand des Busses, der eher einem Baufahrzeug als einem Airport Shuttle gleicht. Aber wir sind halt in Afrika, da muss man manchmal einige Abstriche machen. Immerhin haben wir den ganzen Bus für uns, da können wir uns doch mal so richtig ausbreiten.

 

Kaum sind wir abgefahren in Richtung Stadt, gibt es bereits den ersten Stopp. Einige wenige Leute steigen zu und weiter geht es. Kurz darauf der nächste Stopp. Mit dem Erreichen der Bebauungsgrenze hält der Bus nun in immer kürzeren Abständen. Nachdem sich das Fahrzeug zunächst nur langsam füllt, steigen jetzt auch immer mehr Schüler zu und der Bus ist nach 7 bis 8 Haltestellen pickepackevoll. Umfallen kann hier keiner mehr. Die Achse knarrt und wir können nur hoffen, dass bis zu unserem Ziel, dem Hauptbahnhof reichlich Leute aussteigen, sonst haben wir erstens keine Möglichkeit zu sehen, wann wir aussteigen müssen und zweites keine Chance, mit unseren Koffern durch die vielen Leute und das hintere Drehkreuz den Ausgang zu erreichen.

Weiter geht es Haltestelle um Haltestelle und überall bitten Leute um Einlass. Und obwohl das Fahrzeug längst komplett überfüllt ist, lässt der Fahrer immer noch Leute einsteigen. Wie sollen wir hier nur wieder herauskommen? Wir haben schon fast die Hoffnung aufgegeben, als wir endlich eine Schule erreichen, an der sich der Bus weitgehend entleert. Einer unserer Sitznachbarn bestätigt uns freundlicherweise, dass wir noch auf Kurs sind und der Bahnhof noch einige Stationen entfernt ist, das beruhigt uns doch sehr. Als der in Sichtweite kommt, muss es allerdings schnell gehen, denn das hintere Drehkreuz fordert seinen Tribut. Ohne die tatkräftige Hilfe eines jungen Marokkaners hätten wir es vermutlich nicht aus dem Bus geschafft. Fazit: Airport Shuttle Flughafen – Fès einmal und nie wieder.

Am Bahnhof angekommen, ist das IBIS-Hotel nicht zu übersehen. Wir sind etwas angespannt, weil wir nicht ganz sicher sind, ob der Zustand nicht dem IBIS Budgethotel in El Jadida gleicht. Aber unsere Sorge ist unbegründet, die beiden Häuser sind nicht vergleichbar. Die Lobby, die angrenzenden Aufenthaltsräume, die Außenanlagen, alles kein Vergleich zu El Jadida.

 

Unser Zimmer ist zwar klein, aber recht nett gestaltet und da halten wir uns ohnehin nur die kürzeste Zeit auf. Im Sanitärbereich ist ein wenig Schludrigkeit zu erkennen, ein notdürftig sanierter kleiner Schimmelschaden an der Außenwand ist auch nicht zu übersehen, aber in dem Bett schläft es sich prima und die Einrichtung ist sehr ordentlich für den Preis. Also im Gegenteil zu El Jadida gibt es nur sehr wenig zu meckern, aber es ist halt auch kein Budgethotel, wir hatten bei dem günstigen Preis wohl einfach nur Glück, dass die Belegung entsprechend gering war. Da wir noch nichts gefrühstückt haben, gehen wir im IBIS in das Restaurant und frühstücken noch ausgiebig für 2 x 65 MDH. Nach einer kurzen Besichtigung der Außenanlagen geht es zu Fuß in Richtung Neustadt (Ville Nouvelle) und dann immer weiter in Richtung der 4 bis 5 km entfernten Medina.

Übersichtskarte Medina von Fes (Quelle: openstreetmap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Übersichtskarte Medina von Fes (Quelle: openstreetmap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).

Fès ist mit etwa einer Million Einwohnern die drittgrößte Stadt Marokkos und die älteste der vier Königsstädte des Landes (neben Marrakesch, Meknès und Rabat). Die historische Altstadt gehört seit 1981 als erste Altstadt Marokkos zum Weltkulturerbe. Die Stadt erstreckt sich, anders als etwa Marrakesch, über ein hügeliges Gelände, sodass lange Fußmärsche, insbesondere im Sommer, wenn die Temperaturen die 40-Grad Marke erreichen, durchaus etwas anstrengend sein können.

 

Den ersten Kilometer sind wir noch auf Kurs, aber dann verhaspeln wir uns im Straßenlabyrinth von Fès-Neustadt, geben uns geschlagen und entschließen uns doch noch ein Taxi zu nehmen. Aber die Taxen sind alle voll und irgendwie scheinen auch unterschiedliche Leute zusammen ein Taxi zu nehmen. Manchmal steigen Leute zu, obwohl die Taxe gar nicht leer ist. Wir durchschauen das System nicht, das unter den Einheimischen offensichtlich bestens funktioniert. Immer wenn wir gerne in ein Taxi einsteigen möchten, kommt von irgendeiner Seite ein Marokkaner, der schneller ist und wieder ist das Taxi weg. Also zu zimperlich darf man hier offensichtlich nicht sein, sonst erreicht man gar nichts. Wir verändern unsere Position und halten mehrere Taxen an der Straße an, aber keine will uns für 15 MDH in die Medina fahren. Dabei versicherten uns mehrere Einheimische, die Fahrt mit dem Petit Taxi dürfe vom Bahnhof bis in die Medina keinesfalls mehr als 10 bis 15 MDH kosten und wir befinden uns ja inzwischen deutlich näher an der Medina.

Das Bab Mahrouk, der ideale Zugang um die Medina zu erkunden.
Das Bab Mahrouk, der ideale Zugang um die Medina zu erkunden.

Auch wenn wir das Gefühl haben, über den Tisch gezogen zu werden, geben wir uns irgendwann geschlagen und nehmen für 30 MDH ein Taxi zum Bab Mahrouk, einem der westlichen Stadttore der Medina (vgl. Kärtchen). Von dort laufen wir entlang einer der beiden Hauptstraßen (Rue Talaa Kebira) ins Zentrum. Wie bereits angesprochen, liegt Fès auf hügeligem Terrain. Deshalb bietet es sich an, von hier aus oder vom Bab Bou Jeloud (Blaues Tor) den Weg in das Zentrum der Medina zu nehmen, denn so geht es mehr oder weniger beständig bergab, und da Michael immer seine ganze Fotoausstattung dabei hat und Angelika Reiseführer, Getränke und Kleinutensilien schleppt, läuft es sich erheblich angenehmer als umgekehrt.

Da die Wege in der Medina teilweise nur einen Meter breit sind, darf man sich diese Hauptstraßen nicht zu breit vorstellen. Stellenweise nehmen sie einen Kleinlaster auf, manchmal reicht es nur für einen PKW. Weil aber ein Teil der Straße von Verkaufsständen eingenommen wird, bleiben selten mehr als 2 Meter übrig, und je weiter der Tag fortschreitet, desto mehr Menschen sind unterwegs und dann ist sowieso wieder alles verstopft.

Wir sind etwas überrascht, wie leer das Zentrum einer Millionenstadt ist. Macht aber auch nichts, dann kann man wenigstens vernünftig fotografieren. Mittlerweile reagieren ja manche Zeitgenossen fast schon hysterisch, wenn sie zufällig auf eine Fotoaufnahme geraten sind, haben aber kein Problem damit, privateste Details auf Facebook öffentlich zu machen, wobei letzteres sicher weniger auf Marokko als auf die westliche Welt zutrifft. Da lobt sich Michael die Natur, hier ist ihm noch kein Hirsch zu nahe getreten, nur weil sein schönes Antlitz in farbige Einsen und Nullen verwandelt wurde. Irgendwann werden sich sicher auch Anwälte finden, die das Recht der Hirsche auf informationelle Selbstbestimmung einklagen, aber bis dahin ist Michael in die ewigen Jagdgründe eingegangen, das interessiert ihn dann nicht mehr.

Wenn der arme Hahn wüsste, was über ihm Ungebührliches vorgeht, würde er Reißaus nehmen. So aber geniest er sein Körnerfutter, auf dass er groß und stark werde, nichts ahnend, mit welcher bösen Absicht ihm dieses gereicht wird.


Während wir weiter in Richtung Zentrum der Medina vorstoßen, dämmert uns so langsam, worauf die eingeschränkte Betriebsamkeit zurückzuführen ist. Heute ist Freitag, gewissermaßen also Sonntag und da ruhen die Geschäfte in muslimischen Ländern bekanntlich. Auch wenn sich Michaels Bedauern, angesichts der eingeschränkten Auslagen in Grenzen hält, immerhin machen wir Strecke. Dass aber ein Teil der Medina sogar komplett geschlossen ist, das finden wir dann doch nicht so toll.

 

Trotz des eingeschränkten Angebots kann man schon erkennen, dass auch in Fès das für Marokko so typische Warenangebot dominiert. Und da wir nun schon das dritte Mal in Marokko sind und die sehr üppigen Auslagen in Marrakesch viele Male in Augenschein nehmen konnten, beeindruckt uns das Angebot nicht mehr besonders.

Was uns auffällt sind die relativ sauberen Gassen und Wege, die Müllabfuhr scheint in Fès einigermaßen zu funktionieren, was durchaus erstaunlich ist, schließlich kann man hier nicht einfach mit einem großen Müllfahrzeug durchfahren, das muss größtenteils händisch organisiert werden. Dagegen schenkt man dem Gemäuer nicht immer die nötige Aufmerksamkeit und Pflege, da bröselt so manches Mauerwerk vor sich hin.


Die Türen der Gebäude scheinen wiederum von besonderer Wichtigkeit zu sein, denn diese heben sich deutlich von ihrer Umgebung ab. Manche überzeugen alleine aufgrund ihres Alters und einer damit einhergehenden Patina, andere durch schmucke Verzierungen, durch beigestelltes Grün oder durch Mosaike. Alle erdenklichen Spielarten, die Zugänge zu den Gebäuden optisch herauszustellen, werden genutzt.

Bis zum verschlossenen Teil der Medina haben wir den Weg voll unter Kontrolle. Vor dem verschlossenen Tor müssen wir dann von der „Hauptstraße“ abbiegen und verlaufen uns vollständig. Wir haben nicht den geringsten Plan, wo wir sind und der fortgeschrittene Tag, das ständige Auf und Ab und die scheinbare Ausweglosigkeit zermürben uns, sodass wir irgendwann die von einem Teenager angebotene Hilfe akzeptieren, um aus der Medina wieder herauszufinden.

Er ist sehr freundlich, lobt Deutschland über den grünen Klee und wir denken schon, so viel Hilfsbereitschaft haben wir auch noch nicht erlebt, sonst geht es immer nur ums Geld. Als wir kurz vor dem Ausgang der Medina sind, erklärt er uns noch wie wir weiter laufen sollen, wir verabschieden uns und wollen schon weiter. Da meint der junge Mann, er hätte uns doch nun so weit geführt, das sei doch ein kleines Entgelt wert. Also reine Hilfsbereitschaft war es dann doch nicht. Etwas enttäuscht geben wir ihm 10 MDH. Da meint er, das sei zu wenig, wir hätten doch so viel Geld und die Marokkaner seien so arm. Also geben wir ihm nochmal 5 MDH, doch das Gejammer geht weiter. Aber jetzt platzt Michael der Kragen und er sagt ihm, wenn ihm das zu wenig ist, solle er das Geld wieder zurückgeben. Doch das will er dann auch nicht und zieht von dannen.

Wir stehen derweil in einer verlassenen Seitengasse und haben die Orientierung noch nicht ganz wiedererlangt. Erst als wir, zwei Gassen weiter, die Umrisse der Stadtmauer erkennen, schöpfen wir Hoffnung. Zunächst laufen wir noch etwas unentschlossen an der Stadtmauer entlang und überlegen, wie wir vernünftig durch die Medina navigieren könnten. Wir kommen zu dem Entschluss uns in der Nähe der Stadtmauer immer bergab gen Osten zu bewegen, immer hoffend, dass wir auf einen Ausgang östlich unserer aktuellen Position treffen.

Das klappt dann, mit einigen kleinen Umwegen tatsächlich und wir erreichen auf diese Weise den Place R`cif und das gleichnamige Tor Bab R`cif. Dort finden wir dreihundert Meter südlich des Bab R`cif das schöne Café R`sif, wo wir auf einer Dachterrasse die warmen mittäglichen Sonnenstrahlen genießen. Ach tut das gut nach so vielen Irrwegen einmal richtig durchschnaufen zu können, alle Viere von sich zu strecken und dabei genüsslich unser Mittagessen und einen Berbertee einzunehmen. Nach dem Essen verspüren wir keine Eile diesen ruhigen Ort hoch über dem Getümmel gleich wieder zu verlassen. Wir genießen die herrliche Aussicht, die durch ein prächtiges Fliesenmosaik und eine großzügige Stahlkonstruktion begrenzte Sonnenterrasse und könnten es hier oben noch eine ganze Weile aushalten.

Doch dann entdeckt Michael, dass wir gar nicht weit von den Tanneries, also den Gerbereien, einer Hauptattraktion der Stadt entfernt sind. Und weil heute ohnehin wenig Betrieb ist, wäre das doch eine gute Gelegenheit sich das heute noch einmal anzusehen. Auch die Orientierung erscheint nicht allzu schwer, wir müssten einfach nur dem Fluss in nordwestliche Richtung folgen, das dürfte etwas weniger als ein Kilometer sein und schon sind wir dort. Nachdem uns das Servicepersonal auch noch mitteilt, dass die Gerbereien außerhalb des heute geschlossenen Teils der Medina liegen, ziehen wir los.

Zunächst müssen wir zurück zum Stadttor Bab R`cif, dann überqueren wir den Place R`cif und schon befinden wir uns wieder im Wirrwarr der Altstadtgassen. Leider führt kein Weg unmittelbar den Fluss entlang und so müssen wir doch wieder improvisieren. Aber wir finden immer wieder schnell zum Gewässer zurück und lassen uns dieses Mal vom Straßenlabyrinth nicht aus der Fassung bringen. Tatsächlich schaffen wir es schließlich, ohne fremde Hilfe die Gerbereien zu erreichen. Von außen ist nichts zu sehen. In den Gebäuden, die die Gerbereien umschließen, haben sich zahlreiche Händler eingemietet oder sind sogar Eigentümer der Anwesen. Sie locken die potenzielle Kundschaft damit, einen Blick auf die Gerbereien werfen zu dürfen, verbunden natürlich mit der Hoffnung, dass die Leute anschließend auch etwas kaufen oder zumindest eine Gebühr für die Nutzung der Aussichtsterrasse entrichten (in der Regel 2 €).


Michael hatte sich im Vorfeld der Reise schon kundig gemacht, zu welcher Tageszeit man an welchem Ort wohl die besten Fotos machen könnte und empfand die Nordwestecke der Tanneries und den späten Nachmittag als optimal. Während des Tages besteht häufig ein heftiger Kontrast zwischen den sonnigen und schattigen Abschnitten des Areals und das macht die Sache für den Fotolaien dann doch ausgesprochen schwierig. Aber auch das nunmehr halbwegs ausgeglichene Licht ist nicht wirklich der Burner, denn es verleiht der Szenerie einen zu blassen Anstrich. Wirklich zufrieden ist Michael deshalb mit seiner Ausbeute, lichttechnisch gesehen, nicht.

Wer aber Gerbereien nur aus Büchern kennt und Farben liebt, der kommt hier wirklich auf seinen Kosten, die Gerbereien sind deshalb für Michael ein absolutes Muss, optimales Licht hin oder her. Obwohl Marrakesch in vielen Dingen Fès den Rang abläuft und dort natürlich ebenfalls Gerbereien vorhanden sind, findet sich in Marrakesch nichts Vergleichbares.

 

So sehr man sich auch an den bunten Bildern erfreuen kann, so sind die Arbeitsbedingungen doch einigermaßen erschreckend. Vom Gestank ganz abgesehen, dürfte man in die Becken mit der pH-aggressiven Brühe eigentlich nur mit Wathosen und überlangen Gummihandschuhen einsteigen. Aber das halten selbst die Temperatur erprobten Marokkaner, bei den meist doch recht hohen Temperaturen nicht lange aus. Also steigen viele mit blanken Händen und Füßen in die stinkende Brühe und verrichten ihr schweißtreibendes Handwerk. Trotzdem muss man anerkennen, dass die Stadt Fès oder wer immer hier verantwortlich zeichnet, schon einiges unternommen hat, die Zustände im Umfeld der Gerbereien zu verbessern. Man sieht rege Bautätigkeit an den Becken selbst und in Richtung des Gewässers, das ja durch die aggressiven Abwässer aus den Gerbereien und Färbereien am allermeisten leidet.

Weil die Sonne am späten Nachmittag immer noch ein wenig zu hoch steht, verbringen wir einige Zeit auf der Aussichtsplattform. Zum Glück bedrängt man uns nicht mit immer neuen Kaufofferten, so können wir in aller Ruhe den passenden Zeitpunkt abwarten, um die Lokalität möglichst optimal abzulichten. Während Michael das Treiben unten auf der Fläche beobachtet, sieht er, dass vereinzelte Touristen aus Gässchen auf der nordwestlichen Längsseite der Gerbereien unmittelbar bis an die betonierten Becken herankommen. Auch wenn Angelika die Dringlichkeit dieses Anliegens wieder einmal nicht einleuchtet, versteht es sich von selbst, dass wir da auch hin müssen. Als alle Fotos im Kasten sind, geht es also schnurstracks zur Nordwestseite. Suchen müssen wir da nicht lange, denn sofort sind wieder selbsternannte Führer zur Stelle, die unaufgefordert ihre Dienste anbieten. Wir ignorieren sie und folgen einer der engen Gassen nach unten und stehen tatsächlich unmittelbar vor den Betonbecken.

Das ist einer der wenigen Tage, an denen Michael einmal nicht bereut, dass sämtliche Sinne immer weiter nachlassen. Denn während sich insbesondere jüngere Besucher über den beißenden Gestank echauffieren, erscheint Michael dieser lediglich als etwas unangenehmer Geruch und so verabschiedet er sich von der Zaungastrolle am Rande der Becken, steigt direkt auf eine der Betonmauern, springt von einem Beckenrand zum nächsten und lichtet die ganze Szenerie in alle Himmelsrichtungen ab. Fast schon verzweifelt folgt ihm ein Führer und erklärt ihm, dass er hier unten etwas zahlen müsse, um all diese Aufnahmen machen zu dürfen. Aber Michael ist wie im Rausch und nimmt die Hinweise dieses selbsternannten Obergurus überhaupt nicht zur Kenntnis. Als Michael endlich von den Becken ablässt, bedrängt ihn der Führer, gaukelt einen quasi offiziellen Status vor, der ihn berechtige uns abzukassieren. Doch Michael lässt ihn ein ums andere Mal links liegen und wir gehen unseres Weges.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie dreist diese Jungs auftreten, aber so richtig befriedigend ist die Situation auch nicht. Michael findet, man sollte eine öffentliche Besucherterrasse errichten, zu der alle Zugang haben und dafür einige Euro Eintritt verlangen. Ein Teil des Geldes müsste aber den Leuten zukommen, die hier tagtäglich dieses beschwerliche Handwerk verrichten und dafür Sorge tragen, dass die bunten Bilder überhaupt erst möglich werden. Auch wenn die Qualität der Bilder zu wünschen übrig lässt, ist Michael mit der Gesamtausbeute doch recht zufrieden und verlässt die Tanneries mit stolzgeschwellter Brust, fühlt sich wie Hemingways Fischer Santiago, der gerade seinen Marlin erlegt und ans Boot gefesselt hat. Ok, etwas übertrieben vielleicht, aber manchmal gehen halt die Gefühle mit einem durch.

Ein drittes Mal geht es durch das Stadttor Bab R`cif nun wieder zurück in Richtung Straße, wo wir gerne einen der Minibusse in Richtung Neustadt besteigen würden. Aber die Busse sind wieder einmal rappelvoll und wir haben einfach keine Lust uns da hineinzuquetschen.

Also verlassen wir endgültig die Medina, gehen nochmals in unser „Teehaus“, das Café R`sif, um eine Tajine zu essen, die letzten Reste verputzt die Hauskatze. So lassen wir den Tag bis in die Abendstunden gemütlich ausklingen und kehren schließlich erschöpft zurück in unser Hotel.