Normandie 2015 - Teil 2

Donnerstag, 14.05.2015

Am Ende des heutigen Tages wären wir gerne in Le Tréport, außerdem sind einige Zwischenstopps geplant, ein durchaus ambitioniertes Vorhaben, also müssen wir uns sputen. Zunächst geht es runter nach Yport, um das Frühstück einzukaufen. Trotz Feiertag gar kein Problem an frische Lebensmittel zu kommen, das finde ich maximal sympathisch an den Franzosen.

 

Heute wird im Fahrzeug gespeist. Wegen der Abreise haben wir gestern noch unser Hab und Gut im Fahrzeug verstaut. Davon abgesehen wäre es heute Morgen auch etwas zu frisch gewesen, um draußen zu speisen. Gegen 08:45 Uhr verlassen wir wehmütig unseren schönsten Platz in Richtung Fécamp. Hinter Fécamp geht es auf die zunächst schnurgerade D 925. Unterwegs halten wir kurz in dem kleinen Örtchen Cany-Barville, um unsere Vorräte an französischen Delikatessen zu ergänzen. Die Auslagen beim Fleischer - was für ein Unwort - wo es sich doch in Wahrheit um eine Charcuterie handelt, könnte Michael einmal von vorn bis hinten mitnehmen.

 

Nur, wer soll das essen und wer das bezahlen? Als Erstes lassen wir uns so eine Art Presskopfpastete aus einer der Terrinen einpacken. Dann nehmen wir noch von Tomaten ummantelte Frikadellen und einige Würste und zuletzt fällt unser Auge auf die Terrinen mit bereits vorbereitetem Mittagstisch. Ja, ja, wer die Wahl hat, hat die Qual. Aber man muss sich auch mal quälen können.

Qualen auf hohem Niveau in Cany-Barville.
Qualen auf hohem Niveau in Cany-Barville.

Nach einiger Zeit hat sich Michael für eine Terrine entschieden, kann aber wieder mal nicht lesen, worum es sich handelt. Also deutet er auf die Terrine, macht einige „Mäh“-Laute und nickt dann zweimal schnell mit dem Kopf, um die Verkäuferin dazu zu bewegen, ihm einen Hinweis bezüglich der Herkunft des Fleisches zu geben. Die arme Frau blickt leicht verwirrt und nickt tatsächlich kurz. Aber hat die jetzt wirklich verstanden, was das Rindvieh vor der Theke meint? Wie dem auch sei, sie packt jedenfalls ordentlich ein und Michael denkt: Dumm darf mer sei, mer muss sich nur zu helfe, wisse! Nun noch schnell zum Bäcker und zum Schreibwarenladen und den Einkauf im Kühlschrank des WOMOs verstaut. Da das Örtchen ganz schnuckelig ist, entschließen wir uns noch zu einem halbstündigen Rundgang. Während wir am Morgen auf dem CP noch nicht so recht erkennen konnten, wie das Wetter wohl werden könnte, deutet jetzt einiges darauf hin, dass unsere sonnigen Tage erst einmal vorbei sind. Mit gemischten Gefühlen geht es auf der D 925 weiter in Richtung Veules-les-Roses, das uns von der Netzgemeinde empfohlen wurde. Als wir uns dem Städtchen nähern, geht der anfängliche Nieselregen in Dauerregen über. Jetzt draußen herumlaufen macht überhaupt keinen Sinn und aus dem Fahrzeug ist schon gar nicht zu beurteilen, ob sich ein Besuch lohnen würde. Bei Regenwetter erscheinen uns die Alternativen in so einem kleinen Ort überschaubar und so entschließen wir uns nach kurzer Beratung weiter in Richtung Dieppe zu fahren. Da wir diesen Zwischenstopp nicht so richtig auf der Agenda hatten, stolpern wir ziemlich unvorbereitet in die Stadt und haben ein wenig Mühe, unser rollendes Heim ordentlich abzustellen. Wie so oft werden wir wieder einmal in der Nähe des Jachthafens fündig.

Tristesse in Dieppe an Christi Himmelfahrt.
Tristesse in Dieppe an Christi Himmelfahrt.

Der Regen hat etwas nachgelassen, aber ohne Schirme geht es nicht. Die großen Geschäfte haben natürlich am Feiertag geschlossen. Lebensmittel haben wir allerdings bereits in ausreichender Menge im Womo und so geht es ziellos auf regennassen Straßen kreuz und quer durch die Stadt. Die gute Canon packt Michael bei dem Sauwetter gar nicht erst aus. Heute müssen ein paar Schnappschüsse mit der Outdoor-LUMIX reichen.

 

Eine Stunde etwa cruisen wir durch die Stadt, können uns aber nicht erwärmen, unsere Zelte hier für eine Nacht aufzuschlagen. Das nächste Etappenziel, ebenfalls bei der Reiseplanung im Netz gefunden, hieße nun Criel-sur-Mer. Also besteigen wir unser Fahrzeug und setzen uns wieder in Bewegung. Während der Fahrt werden wir hin- und hergerissen. Kaum scheint der Himmel aufzureißen, kommt die nächste Wolke und lädt ihre schwere Fracht ab, dann wieder Nieselregen, kurzes Abtrocknen und schon folgt der nächste Schutt.

 

Bei unserer Ankunft in Criel-sur-Mer können wir immerhin erkennen, dass sich bei besserem Wetter ein paar schöne Wanderwege finden würden und das Städtchen hätte vielleicht auch einiges zu bieten. Also ziehen wir in Erwägung, die Nacht hier zu verbringen. CP oder SP, das ist jetzt die Frage. Da der SP kein Geld kostet, stellen wir unser Gefährt zunächst einmal auf dem SP ab. Kaum stehen wir, folgt der nächste Guss. Wenden wir uns also angenehmeren Dingen zu und machen erst einmal Mittagspause. Im Kühlschrank wartet das Schafsragou aus Cany-Barville. Angelika macht Reis dazu, erwärmt die liebevoll vorbereitete Speise und verschafft uns ein weiteres kulinarisches Vergnügen. Nach dem Verzehr muss Michael allerdings feststellen, dass er selbst bei Tierlauten einen Dialekt spricht, der in Normandie, zumindest aber in der Charcuterie von Cany-Barville nicht verstanden wird. Das vermeintliche Schafsfleisch entpuppt sich nämlich als Kalbfleisch. An der Lautsprache, an Mimik und Gestik muss also noch gearbeitet werden.

 

Mit gefülltem Magen fällt das Denken nun noch schwerer, trotzdem müsste geklärt werden, wie es nun weitergehen soll. Also schnappt Michael nach dem Essen erst einmal frische Luft, das kann ja dem Geist auf die Sprünge helfen.

Kurze Regenpause in Criel-sur-Mer.
Kurze Regenpause in Criel-sur-Mer.

Heute hilft es aber nicht. Der SP ist etwa zu zwei Dritteln gefüllt und wir haben den Eindruck unseren Nachbarn sind genauso unentschlossen wie wir. Kaum hat sich einer auf dem Platz niedergelassen, bricht er schon wieder die Zelte ab. Unser Fahrzeug steht zufälligerweise recht günstig. Insgesamt gibt es aber eine ganze Reihe von Stellplätzen, die kurz vor dem Absaufen sind, weil von der zur Klippe hinaufführenden Straße beständig Oberflächenwasser zuläuft. Steckengeblieben ist bisher noch keiner, aber einige hatten doch Mühe, das klatschnasse Grün wieder zu verlassen und man möchte auch ungern während der Nacht oder am frühen Morgen von Unwettern überrascht werden. Das unstete Gebaren der grauen Milchsuppe hilft uns dann doch noch auf die

Sprünge. Also setzen wir uns, hoffentlich ein letztes Mal in Bewegung und steuern tatsächlich noch unserem eigentlichen Tagesziel Le Tréport zu.

 

So gegen halb Fünf trudeln wir auf dem Stellplatz oben auf den Klippen ein. Der Platz ist komplett belegt, wir stehen in Lauerstellung auf einer Busspur unweit der Felsabbruchkante und hoffen, dass sich etwas bewegt. Auf dem Platz, nicht an der Felsabbruchkante, versteht sich!

 

Doch es tut sich nichts und es regnet und regnet und regnet. Vom Klippenrand aus geht der Blick über das Meer und so weit das Auge reicht nur Grau in Grau und keine Besserung in Sicht. Wir haben keine Lust mehr auch nur einen Kilometer zu fahren, aber bei den Aussichten, was sollen wir machen. Irgendwann reißt der Geduldsfaden und wir überlegen uns doch noch in Richtung Brügge aufzubrechen, dort auf besseres Wetter am morgigen Tag hoffend.

 

Nach wenigen Kilometern Fahrt sehen wir am Rande unseres Weges ein größeres Einkaufszentrum und beschließen der Enge unseres Gefährts für einige Zeit zu entfliehen und uns die Beine zu vertreten. Als wir nach einer Dreiviertelstunde den Konsumtempel verlassen, können wir unseren Augen kaum trauen. Der Himmel hat die Schleusen geschlossen und die Sonne den grauen Wolkenteppich in Stücke gerissen. Durch immer größer werdende, blaue Fenster knallt das Himmelsgestirn auf den Asphalt und heizt diesen derart auf, dass Wasserdampfschwaden aufsteigen.

 

Was nun? Hin- und hergerissen werfen wir unseren jüngsten Plan gleich wieder über den Haufen und entschließen uns nach Le Tréport zurückzukehren. Zum Glück ist der Wetterumschwung von Dauer und wir gehen wieder in Lauerstellung an der Busspur hoch über dem Meer. Offensichtlich hat die auferstandene Sonne auch Bewegung in den Stellplatz gebracht und so sehen wir schon kurz nach unserer Rückkehr wie sich zwei WOMOs fast gleichzeitig in Bewegung setzen. Jetzt aber nichts wie rein. Die Wege sind zwar etwas feucht, aber Absaufen ist hier oben ausgeschlossen. Klar stehen die Autos dicht an dicht, trotzdem ist der zweigeteilte Platz recht liebevoll angelegt und auch die tolle Aussicht vom unweit des Stellplatzes gelegenen Klippenrand bestärkt uns, das Nachtlager hier aufzuschlagen. An einem Automaten ziehen wir ein Ticket zu 6 € und schon ist unser Nachtlager gesichert.

Sollen wir in Le Tréport unser Nachtlager aufschlagen?
Sollen wir in Le Tréport unser Nachtlager aufschlagen?

Nachdem wir einen Großteil des Tages in der Enge des Fahrzeugs gefangen waren, hat Michael direkt nochmal Lust, die Unterstadt aufzusuchen. Der Stellplatz liegt strategisch günstig, denn in unmittelbarer Nähe des SP hat die Stadt im Jahr 2006 auf der Trasse einer ehemaligen Standseilbahn aus dem Jahr 1908 einen Schrägaufzug errichtet, der diesen Transfer auf sehr bequeme Weise ermöglicht. Michaels bessere Hälfte zeigt erste Anzeichen einer Erkältung und ist nicht wirklich begeistert von der Idee. Im Auto herumzuliegen ohne TV ist ihr aber auch zu langweilig. Optimaler Weise sollte man ihr nun anbieten, mit dem Aufzug hinunter und wieder hochzufahren. Aber Michael sieht vor seinem geistigen Auge schon wieder die Raubritter in Kassenhäuschen sitzend ihre riesigen Hände aufhalten, um uns ein Dutzend Taler abzuluchsen, die am Ende in der Feinkostabteilung fehlen. Bei dem Gedanken schwillt Michael der Kamm.

 

Die Sache muss also strategisch angegangen werden. Clever, wie Michael nun einmal ist, eröffnet er Angelika, dass wir an der frischen Luft über die nahe gelegene Treppe nach unten gehen sollten, um ihren Kopfschmerz etwas zu lindern und später den beschwerlichen Weg nach oben mit dem Aufzug zu bewältigen. Nachdem sie einwilligt, geleitet Michael sie geschickt, im großen Bogen um die vermeintlichen Kassenhäuschen herum in Richtung Treppe, spürt zwar beim ersten Anblick der vielen Stufen Widerwillen, hört bis unten hin immer wieder Gemaule, schafft es aber dann doch, mit einigem Zureden ihre Gnaden so weit zu besänftigen, das wir die Unterstadt unbeschadet erreichen. Auf dem Weg zu den Klippen müssen wir an der Talstation des Schrägaufzugs vorbei und da es schon relativ spät ist, erkundigt sich Michael lieber mal, wann die letzte Bahn fährt, um den Abend nicht noch gegen die Wand zu fahren.

 

Interessanterweise sehen wir gar keine Kassenhäuschen, also muss hier irgendwo ein Automat sein. Michael sieht aber auch niemanden ein Ticket ziehen und fragt schließlich einen Besucher, wo man denn bezahlen muss. Der teilt dann mit einem ganz breiten Grinsen mit, dass der Schrägaufzug kostenfrei ist. Oh, oh, oh, oh, das ist nicht gut. Da wär Michael im Leben nicht drauf gekommen. Wenn Blicke töten könnten, läge Michael jetzt wohl am Fuß der Klippen, den Möven zum Fraß vorgeworfen. Er kann von Glück sagen, dass er noch als Kraftfahrer benötigt wird. Dass wir jetzt überhaupt noch an die Klippen laufen, grenzt fast schon an ein Wunder.

 

Wieder haben wir Glück mit der Tide, die weite Strecken des Meeresbodens freigegeben hat. Die Klippen kommen einem hier noch steiler vor als in Étretat und das Wasser scheint bei Flut bis an deren Fuß heranzureichen. Da hätten wir schon wegen des möglichen Steinschlags nicht weitergehen können. Um die Klippen mit der Kamera vollständig ins Bild zu bekommen, muss man selbst mit einem Weitwinkelobjektiv noch ordentlich Abstand halten. Die Wolkenfetzen zaubern im Verbund mit der bereits tief stehenden Sonne ein ständig wechselndes Licht auf die Steilwände, dass diesen eine Lebendigkeit verleiht, die sie im mittäglichen Sonnenlicht nie hätten erreichen könnten. Auch am Fuß der Klippen gibt es natürlich wieder einiges zu sehen und Michael würde gerne noch ein ganzes Stück nach Westen weiter laufen, aber nach dem

kleinen Missgeschick mit dem Schrägaufzug sollte man besser sein Pulver trocken halten. Also bewegt sich Michael, nachdem die wichtigsten Motive im Kasten sind, in Richtung Kaimauer zurück und wir laufen durch die Unterstadt bis zu einem kleinen Leuchtturm am Rande der Hafeneinfahrt. Lange halten wir uns nicht auf, dann geht es endlich zum Schrägaufzug, der uns durch einen in den Fels geschlagenen Tunnel rasch nach oben bringt.

Beeindruckend, die Klippen in Le Tréport.
Beeindruckend, die Klippen in Le Tréport.

Madame sieht Michael natürlich sofort an, dass die eine Fahrt nach oben nicht reichte, um die technischen Finessen von Bauwerk und Bahn ausreichend zu würdigen und fototechnisch zu dokumentieren. In einem Anflug von Großmut gewährt Ihre Gnaden eine weitere Fahrt ins Tal und natürlich auch wieder nach oben. Das könnte Michael dann gerade noch einmal machen. So ist der Mensch, kostet eine Sache nichts, kann er den Hals nicht voll genug bekommen. Aber da hat Madame heute die Hand drauf.

 

Zurück an unserem rollenden Heim strecken wir kurz alle Viere von uns, dann gibt es zu einem leckeren Baguette die Köstlichkeiten, die wir den ganzen Tag über mangels Alternativen überall zusammengetragen haben. Die Wolken haben sich inzwischen fast komplett zurückgezogen und die Sonne taucht die Landschaft ein weiteres Mal in ihr frühabendliches Rotorange. Unfassbar, wenn man bedenkt, wie das noch vor wenigen Stunden hier aussah.

Klippen in Le Tréport.
Klippen in Le Tréport.
Reiselust-16, Klippen in Le Tréport.
Klippen in Le Tréport.
Leuchtturm in Le Tréport.
Leuchtturm in Le Tréport.
Schrägaufzug in Le Tréport
Schrägaufzug in Le Tréport

Typisch französisch, der futuristisch anmutende Schrägaufzug in Le Tréport.
Typisch französisch, der futuristisch anmutende Schrägaufzug in Le Tréport.
Leuchtturm an der Hafeneinfahrt von Le Tréport.
Leuchtturm an der Hafeneinfahrt von Le Tréport.
Abendstimmung vor den Klippen von Le Tréport
Abendstimmung vor den Klippen von Le Tréport

Bevor es zu Bett geht noch ein nächtlicher Schnappschuss. So geht ein ausgesprochen ereignisreicher Tag zu Ende.

Das nächtliche Le Tréport.
Das nächtliche Le Tréport.

Freitag, 15.05.2015

Irgendwie schien die ganze Nacht in den Köpfen herumzugeistern, dass wir heute eine etwas längere Fahrt vor uns haben. Jedenfalls sind wir bereits vor 06:00 Uhr wach. Die Nacht war kühl, sechs bis acht Grad dürften es etwa gewesen sein, trotzdem blieb die Heizung aus, der trockenen Luft wegen. Nach kurzem Schlottern und einer Katzenwäsche zieht es Michael hinaus an die Klippen, während Angelika noch etwas die wohlige Wärme unseres WOMO-Bettes genießt. Vom Stellplatz an der D 126e sind es nur wenige Zehnermeter bis zum Klippenrand.

 

Ein letztes Mal heißt es diese aufregende Aussicht hoch über Le Tréport zu genießen. Der Himmel ist wolkenverhangen, für den heutigen und die nächsten Tage sind weitere Niederschläge vorhergesagt. In welchem Umfang, wer weiß das schon? Gerne wäre Michael einen Tag länger geblieben, aber unter diesen Voraussetzungen scheint eine Städtetour, die Madame angesichts der vielen Natur am Ende wohlgesonnen stimmt, angemessener. Mann will schließlich noch öfter wegfahren.

 

Zurück am Fahrzeug ist auch Angelika abfahrbereit und so schleichen wir uns aus dem noch schlafenden WOMO-Dorf. Die Fahrerei ist heute ziemlich mühsam. Die kleinen Landstraßen schlagen immer wieder Haken, statt den geraden Weg zu suchen und verlängern die Fahrtstrecke unnötig. Ob das Navi Michael im Griff hat oder umgekehrt konnte immer noch nicht geklärt werden. Richtig nervig ist die Fülle von kleinen und kleinsten Kreiseln, wo Michael alle zwei bis drei Kilometer herunter- und wieder hochschalten muss. Dass das Fahrzeug auch noch einen sechsten Gang hat, vergisst Michael gelegentlich beim Hochschalten, was uns einige Euro gekostet haben dürfte. Wenigstens scheint ganz Frankreich noch zu schlafen, die Straße gehört uns, vorerst jedenfalls!

 

Da unser Kühlschrank noch gut gefüllt ist, reicht es unterwegs bei einer Boulangerie noch schnell ein Baguette aufzunehmen und schon kann es weiter gehen. Auch wenn Michael wieder einmal so mancher Schlenker nicht ganz koscher vorkommt, verlässt er sich heute blind auf das Navi. Mangels Sonne lässt sich die Himmelsrichtung schlecht ermitteln, aber die Tatsache, dass auf der Fahrerseite immer mal wieder die Küste zu sehen ist, gibt Michael das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein. Trotz wolkenverhangenem Himmel bleibt es überwiegend trocken und so genießen wir die Aussicht auf Salzwiesen, Watt und vereinzelte Dünen. Einige Zehnerkilometer vor der belgischen Grenze lotst uns das Navi auf die Autobahn und wir beschließen auf einer der nächsten Raststätten eine Pause einzulegen, um das ausgefallene Frühstück nachzuholen. So gestärkt geht es mit 90 Sachen weiter in Richtung Brügge, das wir nach ca. 250 Kilometern gegen 11:00 Uhr erreichen.

Ein letzter, wehmütiger Blick von den Klippen bei Le Tréport.
Ein letzter, wehmütiger Blick von den Klippen bei Le Tréport.
Heimfahrt von Le Tréport über Brügge und Gent nach Bad Kreuznach (Quelle: openstreetmap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Heimfahrt von Le Tréport über Brügge und Gent nach Bad Kreuznach (Quelle: openstreetmap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).

Kaum haben wir die Autobahn verlassen, heißt es sich in Geduld zu üben, denn auf dem schnurgeraden, einspurigen Zubringer in Richtung Stadt staut es mächtig. Stop-and-Go ist angesagt, das nervt. Schlimmer noch trifft es die Anlieger, die sich mühsam aus ihrer Siedlung heraus stauen müssen. Und die haben das jeden Tag, uns trifft es nur heute. Fast eine halbe Stunde lang quälen wir uns in Richtung Altstadt. Schließlich letzte Grabenkämpfe an einem Kreisel, dann ist es geschafft. Der Punkt geht eindeutig an das Navi. Auf uns alleine gestellt, hätten wir den Platz nie auf Anhieb gefunden, und der kleinste Fehler bei der Anfahrt hätte uns in diesem Verkehrswirrwarr mindestens eine weitere halbe Stunde Zeit gekostet.

 

Der zweigeteilte Stellplatz am Bargeweg liegt im Süden von Brügge unweit des Bahnhofs zwischen dem Ringkanal und einem großen Omnibusparkplatz, leider auch in unmittelbarer Nähe der Ringstraße R 30 und lässt lärmtechnisch nichts Gutes erahnen. Die WOMOs stehen wieder mal dicht an dicht, aber zu unserer großen Überraschung war das bisher nie ein Problem. Weil Lärm in unmittelbarer Nachbarschaft durchaus ins WOMO dringt, geht Michael davon aus, dass die WOMO sapiens einfach sehr diszipliniert sind, was man von den Kraftfahrern auf dem angrenzenden Busparkplatz nicht behaupten kann. Schon mittags nerven die ständig laufenden Busmotoren. Wenn die Fahrer den Kraftstoff aus eigener Tasche zahlen müssten, wäre hier ganz schnell Ruhe - müssen sie aber nicht.

 

Sanitäre Anlagen Fehlanzeige, aber Frischwasser können wir bunkern und die Entsorgung der inzwischen in übelriechendes, garstiges Braun überführten französischen Spezialitäten ist ebenfalls gewährleistet. Darüber hinaus haben wir Strom, der Platz ist ganz ordentlich begrünt und die Altstadt ist in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen. Fünfundzwanzig Euro pro Nacht sind allerdings auch ganz schön happig. Gegen 12:30 Uhr geht es bei strahlendem Sonnenschein endlich in die Stadt. Wir unterqueren die R 30 und gelangen in die nächste Grünanlage, wo eine kunstvoll geschwungene rote Brücke uns den Weg über den die Altstadt umschließenden Ringkanal bahnt. Noch vor der Brücke entlässt ein Bus nach dem anderen seine menschliche Fracht in Richtung Stadt. An einem ersten Toilettenhäuschen bilden sich lange Schlangen. Touristen, überwiegend aus Asien, ganz Europa und Nordamerika füllen die Straßen. Michael wagt gar nicht, sich vorzustellen, was hier wohl im Sommer los ist.

Einfahrt zum Stellplatz am Bargeweg in Brügge.
Einfahrt zum Stellplatz am Bargeweg in Brügge.
Bus 18, die Aufnahme steht stellvertretend für beide Tage. Auf den letzten 500 m vor der Bushaltestelle kamen uns jeweils mehr als zwanzig Busladungen mit Touristen entgegen.
Bus 18, die Aufnahme steht stellvertretend für beide Tage. Auf den letzten 500 m vor der Bushaltestelle kamen uns jeweils mehr als zwanzig Busladungen mit Touristen entgegen.
Fischmarkt in Brügge.
Fischmarkt in Brügge.
Wenn`s  reicht, warum nicht?
Wenn`s reicht, warum nicht?
Stadtzentrum Brügge.
Stadtzentrum Brügge.
Schnellrestaurant, in Brügge mal anders.
Schnellrestaurant, in Brügge mal anders.
Wieviel Kalorien sind da wohl versammelt.
Wieviel Kalorien sind da wohl versammelt.
Kunst vor der Sint Salvatorskathedraal.
Kunst vor der Sint Salvatorskathedraal.
Eine Bootsfahrt, die ist lustig. Acht Euro pro Person und halber Stunde.
Eine Bootsfahrt, die ist lustig. Acht Euro pro Person und halber Stunde.

In manchen der nun folgenden Straßen der Altstadt ist es unmöglich ein Gebäude zu fotografieren, ohne Massen von Menschen vor der Linse zu haben. Zum Glück lassen sich missratene Aufnahmen heutzutage ganz einfach löschen. Zu Analogzeiten wäre das ein teures Vergnügen gewesen.

 

Unsere Aufnahmen scheinen übrigens die geschilderten Eindrücke nicht unbedingt zu bestätigen, aber Fotos, auf denen nur Touristenströme zu sehen sind, fanden wir jetzt auch nicht so prickelnd. In der Mittagszeit haben wir uns deshalb auf Straßen und Plätze beschränkt, die weniger frequentiert waren und ansonsten den Fotoapparat einfach in der Tasche gelassen. Vielleicht hätten wir einfach einmal die Leute fotografieren sollen. Unser Umfeld liefert jedenfalls Motive ohne Ende. Mit Stielaugen durch die Gassen laufend, verliert man die Orientierung und weiß schon nach kurzer Zeit nicht mehr so genau, wo man überhaupt unterwegs ist. Für die Rückkehr zum Auto reichen als Orientierung die Sonne und einige markante Gebäude. Aber die Fotos zu Hause alle zuzuordnen, da sind einige Steine den Berg hochzurollen. Zum Glück hat Michael seine Lumix dabei, mit der das eine oder andere Foto verortet werden kann. Die Canonfotos werden dann hoffentlich anhand dieser Pilotaufnahmen zuzuordnen sein.

 

In Brügge gibt es ganze Straßenzüge, in denen ein Schokoladenladen auf den nächsten folgt. Und was die aus Schokolade alles machen, unglaublich! Herrlich auch die ehemaligen Patrizierhäuser, die Kirchen und öffentlichen Gebäude, die alle vom ehemaligen Reichtum der Stadt zeugen. Dazu kleine Galerien mit Gemälden uns unbekannter Künstler, Feinkostläden aller Art, Kneipen, die viele Dutzend unterschiedlichster Biersorten anbieten und eine Vielzahl von Restaurants mit internationalen Speisen. Das kulturelle Angebot können wir in den zwei halben Tagen, die wir hier verbringen, nicht einmal im Ansatz abschätzen.

 

Den Terminus „ehemaliger Reichtum“, muss Michael übrigens gleich wieder kassieren. Wenn man sich die Preise der feilgebotenen Waren, den Zustand der Gebäude und die von den Einheimischen gefahrenen Karossen ansieht, dann kann es den allermeisten nicht allzu schlecht

gehen.

 

Genervt, bisweilen auch aggressiv, erscheinen die Radfahrer. Die Horden von Fußgänger, also auch wir schauen nicht, wohin sie laufen. Die Jugend erliegt dem Selfie-Wahn. Ich und der Kanal, ich und die Brücke, ich und meine Freunde, Ich und noch einmal Ich, scheinen das wichtigste Motiv überhaupt zu sein. Die Jugend erliegt dem Selfie-Wahn. Auch zwischen den Selfie-Exzessen von Aufmerksamkeit keine Spur. Gesenkten Hauptes folgt man den Erläuterungen der neuesten App, überprüft die Qualität der jüngsten Schnappschüsse oder sucht das nächste Schnellrestaurant. Den Physiotherapeuten dürfte die Arbeit auch in Zukunft kaum ausgehen. Gelegentlich trotten Pferdekutschen durch die Stadt. Nähert sich eine Kutsche, lässt das laute Geklapper der Hufe die Fußgänger rasch zur Seite ausweichen, man will ja nicht unter die Räder kommen. In manchen Straßenzügen reicht der Platz ohnehin gerade so für die Kutschen aus. Auch an den Bootsanlegestellen bilden sich lange Schlangen. Oft werden diese von lang gezogenen Bootsstegen aufgenommen, reichen diese aber nicht aus, muss auch hier die Straße herhalten. Für die Radfahrer heißt es Schlangenlinien zu fahren, stoppen, absteigen, aufsteigen, beschleunigen, scharf bremsen, alles in ständigem Wechsel. Einige Radler, übrigens auch Radlerinnen, haben die Nase gestrichen voll. Dementsprechend spüren einige Fußgänger den heißen Atem gefrusteter Drahteselbesitzer(innen) bis hin zum Körperkontakt, wenn diese die kleinste Lücke nutzend versuchen, in dem Gewimmel voranzukommen.

 

Da sagt sich Michael doch: „Willst die Gesundheit du bewahren an sommerlichen Brügger Tagen, so lass das Fahrrad lieber stehen, denn schneller bist du dort im Gehen“.

 

Die Stadt ist wirklich einen Besuch wert, aber das, was wir in den Mittagsstunden erleben, grenzt an Disney World. Nach drei Stunden Altstadtpflaster qualmen uns die Socken. Also kehren wir zu unserem rollenden Heim zurück und legen erst einmal die Füße hoch.

Pferdekutsche, halbe Stunde zu 44 €.
Pferdekutsche, halbe Stunde zu 44 €.
Schokoladenwerkzeug, kaum zu glauben.
Schokoladenwerkzeug, kaum zu glauben.
Bier in allen Variationen.
Bier in allen Variationen.

Während Angelika ihrem Hörbuch frönt, ratzt Michael mal eben ein Stündchen weg, um danach schon wieder von einem dieser nervenden Busse geweckt zu werden. Clint Eastwood hätte spätestens jetzt die 44er Magnum ausgepackt, aber hier in Europa hat man ja keine Möglichkeiten. Ohne den Busparkplatz wäre unser Stellplatz eigentlich ganz gemütlich, denn der Verkehrslärm von der R 30 hält sich erstaunlicherweise in Grenzen, äußert sich eher in einem gleichförmigen Hintergrundrauschen und wird deshalb als weniger störend empfunden. Die Vielzahl der Dieselaggregate, deren schwankende Drehzahl, Zischgeräusche, gelegentlich quietschende Bremsen und immer wieder ein- und ausfahrende Busse sind deutlich mühsamer zu ertragen.

 

Um den Nervtötern etwas aus dem Wege zu gehen, macht Michael einen kleinen Spaziergang auf dem allseitig vom Wasser begrenzten Areal. Westlich unseres Stellplatzes befindet sich eine Anlegestelle für Boote, Wasser-WOMOs sozusagen. Östlich von Stell- und Busparkplatz kommen auch Luxustouristen auf ihre Kosten. Drei holländische Binnenschiffe, von denen jedes so etwa 20 bis 30 Gäste an Bord haben dürfte, teilen sich eine weitere Anlegestelle. Der Großteil der Gäste füllt vermutlich gerade die Gassen und Plätze der Stadt Brügge. An den wenigen, die es sich im Boot gemütlich machen, ist aber unschwer zu erkennen, dass es diesen an nichts fehlt. Die Boote haben offensichtlich sogar eigene Kleinbusse, die die gut zahlende Klientel auch an jene Orte bringt, die mit den Booten nicht oder nicht ausreichend schnell erreicht werden können.

 

Am frühen Abend geht es erneut in die Stadt. Zu unserem großen Erstaunen strahlt die Grünanlage am Rande der Altstadt jetzt eine Ruhe aus, die vor wenigen Stunden noch undenkbar erschien. In den Altstadtgassen hat der Besucherstrom merklich nachgelassen. Im Stadtzentrum kein Hufgeklapper mehr. Gerne würde Michael jetzt staufrei eines der Boote besteigen, die die Touristen den ganzen Tag für 8 € in halbstündiger Fahrt bequem die Uferpromenaden erkunden ließen, doch diese liegen nun fein säuberlich unter grauen Planen verpackt an den Bootsstegen. Die meisten Läden sind im Begriff ihre Pforten zu schließen oder haben dies längst getan. Gebäude, die Michael heute Mittag wegen der Menschenflut gar nicht aufnehmen konnte, entfalten jetzt ihre volle Pracht. Am Belfried, dem Glockenturm im Stadtzentrum und einem der höchsten Gebäude der Stadt, wäre Michael gerne einmal aufgestiegen, um Brügge von oben zu sehen, aber auch dieser hat bereits seine Pforten geschlossen.

Alternative WOMO-Stellplätze an der Ringstraße.
Alternative WOMO-Stellplätze an der Ringstraße.

Nachdem die wichtigen Aufnahmen im Kasten sind, orientieren wir uns nach Osten, folgen einem Wasserarm, in dem zahlreiche Boote vertäut sind und erreichen schließlich wieder den Ringkanal um die Stadt. Jenseits des Ringkanals sind zahlreiche WOMOs geparkt. Wir wissen nicht, wie ruhig man am Rande der teils vierspurigen Straße wirklich nächtigen kann, und sicher werden die geschäftstüchtigen Flamen auch hier einen Obolus abverlangen, aber 25 € werden das kaum sein. Insofern sollte man bei einem mehrtägigen Aufenthalt diese Alternative durchaus prüfen. In drei Tagen 75 € zu berappen ist kein Pappenstiel.

Fußgänger- und Fahrradweg am Rande des Ringkanals.
Fußgänger- und Fahrradweg am Rande des Ringkanals.
Stadttor in der Langestraat.
Stadttor in der Langestraat.

Auf der Innenseite des Ringkanals hat die Stadt einen breiten Fußgänger- und Radweg angelegt. Hier kann man in angenehmer Umgebung für einige Zeit dem hektischen Treiben der Stadt entfliehen. Wer einen Drahtesel mitführt, wird über diese bequemen Wege in kurzer Zeit sehr viel sehen können und wenn man sich von den belebten Plätzen fernhält, ist sicherlich auch der eine oder andere Ausflug in die Stadt möglich.

Eine von mehreren Windmühlen nördlich der Langestraat.
Eine von mehreren Windmühlen nördlich der Langestraat.

Im schlimmsten Fall schiebt man halt mal ein Stück oder macht sich erst am frühen Abend auf den Weg. Wir folgen dem Weg per pedes bis zur Langestraat, um eines der prächtigen Stadttore anzuschauen und die dahinter befindlichen Windmühlen abzulichten. Zurück durch die nun völlig entvölkert erscheinende Innenstadt geht es in Richtung Stellplatz. Ein weiterer Hort der Ruhe in dem ansonsten so turbulenten Brügge ist der im Jahr 1245 von Margarete von Konstantinopel gegründete Beginenhof, der ursprünglich eine Gemeinschaft von Frauen, die sich ehrenamtlich nützlich machen wollten, beherbergt haben soll. Heute wird das Anwesen von Benediktinerinnen bewirtschaftet.

Der Beginenhof, ein Hort der Ruhe.
Der Beginenhof, ein Hort der Ruhe.

Zum Glück ist es vom Beginenhof nicht mehr weit bis zu unserem Stellplatz. Denn jetzt sind wir endgültig geschafft und schleppen unsere müden Körper auf kürzestem Wege zurück zum Nachtlager.

Samstag, 16.05.2015

Nachdem die Busse am frühen Abend den Parkplatz geräumt hatten, war es in der Nacht erstaunlich ruhig und wir konnten problemlos schlafen. Mit dem Frühstück können wir uns heute nicht lange aufhalten, denn unser Übernachtungsticket, das wir gestern gegen 11:30 Uhr gezogen haben, gilt exakt 24 Stunden und sollten wir den Platz auch nur wenig später verlassen, müssten wir nochmals 25 € berappen, worauf wir gerne

verzichten können. Gegen 07:30 Uhr geht es letztmalig in Richtung Brügge. Wenig erstaunlich ist die Stadt noch weitgehend leer. Straßenreinigungstrupps beseitigen letzte Müll- und Schmutzreste vom Vortag. Spritzwagen spülen den feinen Kehricht in Richtung Gullys. Unterwegs besorgen wir uns einen Becher Kaffee und Stückchen und schlendern in aller Ruhe durch die Gassen. Viele Geschäfte öffnen gerade erst ihre Pforten und so ist es ein Leichtes, nach Mitbringseln für die Lieben zu Hause Ausschau zu halten und schließlich auch fündig zu werden. Danach hat Michael eigentlich nur noch ein Ziel und das lautet Belfried. Leider haben wir gestern überhaupt nicht darauf geachtet, wann der Glockenturm für Besucher geöffnet wird, haben aber wieder mal Dusel, weil wir zufälligerweise wenige Minuten vor der Öffnung dort eintreffen. Laut Informationstafel dürfen immer nur 70 Leute gleichzeitig auf den Turm und die dürften schon jetzt vor uns in der Schlange stehen. Michael hat aber das Gefühl, die selbst geschaffenen Regeln werden nicht so genau eingehalten. Wen wundert es, wir sind ja mitten in der EU, da hat das Tradition. Angelika, die zunächst noch mit in der Schlange steht, betrachtet das Unternehmen von Beginn an mit gemischten Gefühlen. Als wir dann etwas von 366 Stufen hören, weiß sie endgültig, dass es nach den zahlreichen Wanderungen der letzten Tage exakt das ist, was sie heute nicht braucht. Da die Raubritter wieder mal voll zulangen und zugleich ungestörtes Verweilen und Fotografieren gewährleistet scheint, ist Michael mit Angelikas Entscheidung nicht unglücklich. Nachdem der Wegezoll entrichtet ist, geht es schnellen Schrittes ab in den Turm.

Michael erinnert sich dunkel, dass er früher mal Läufer war. Da müssten ja noch Reserven vorhanden sein, die ihn gegenüber Ottonormalfußgänger bevorteilen. Zwar hat sich seither auch einiges Hüftgold angesammelt, aber das wird sich sicherlich nicht so stark auswirken. Viele werden die Zwischenplattformen dankbar annehmen, um sich von ersten Höhenmetern zu erholen, da könnte es doch aus fototechnischen Gründen interessant sein, in einem Rutsch nach oben aufzusteigen, um ordentlich Platz zu haben. Jetzt werden wir dem Fußvolk mal zeigen, wie ein Läufer die Sache angeht. Die ersten vier, fünf Dutzend Stufen sind überhaupt kein Problem. Irgendwann erscheint die erste Plattform und da sitzen Sie schon, die Keucher. Gut so, die hätten wir schon mal hinter uns gelassen.

 

Zielstrebig geht Michael den weiteren Aufstieg zum Glockenturm an. Wegen des feuchte geschwängerten, kühlen Lüftchens hatten wir uns heute Morgen etwas wärmer angezogen. Die für den Aufstieg nun eigentlich etwas zu warme Kleidung, der schwere Rucksack, die hohe Luftfeuchte und die fehlenden Ruhepausen setzen Michael nach einiger Zeit doch mehr zu, als er sich selbst eingestehen möchte. Trotzdem lässt er auch eine weitere Zwischenplattform links liegen. Nach gefühlten 250 Stufen wird der Aufstieg dann ziemlich mühsam, die Pumpe nähert sich so langsam dem Anschlag und eine leichte Schnappatmung setzt ein. Irgendwie fehlen da inzwischen wohl doch einige Trainingseinheiten und Michael bleibt nichts übrig als einen Gang zurückschalten. Ausgerechnet jetzt nähern sich von unten schnellen Schrittes jugendliche Stimmen, die Michael bald eingeholt haben und locker vorbeiziehen könnten. Doch die Treppe ist inzwischen so eng, dass man unter Berücksichtigung des Gegenverkehrs so gut wie nicht mehr überholen kann. Michael blockiert also die jungen Hüpfer, die ständig redend und beneidenswert locker hinter ihm die Treppe hinauf drängen, sodass er sich genötigt sieht, wenigstens dieses langsamere Tempo nun bis oben hin durchzuhalten. Das schafft er dann auch, ist aber am Ende dermaßen platt, dass es ihm schon Leid tut, sich dieses Martyrium überhaupt auferlegt zu haben. Während sein Deo versagt und Schweißperlen fluchtartig Michaels Hüftgold in Richtung Baumwoll-T-Shirt verlassen, um Michael einen schönen feuchten Umhang zu verpassen, heißt es erst einmal durchschnaufen. Irgendwie hatte Angelika doch den richtigen Riecher.

 

Zu Atemnot und feuchtem Frack kommt noch hinzu, dass Michael in seinem unerschütterlichen Optimismus natürlich erwartet hatte, am Ende des Aufstiegs auf einer Art Freiluftbalkon zu stehen, von dem aus man beste Aussichten auf die Stadt hat. Tatsächlich bleibt man im Turm hinter kleinteiligen Drahtnetzen gefangen und das diesige Wetter macht jede Fernsicht und damit auch vernünftige Fotoaufnahmen zunichte. Ein paar Feigenblattaufnahmen mit der Lumix und einer entsprechend grauenvollen Auflösung lassen erahnen, was man unter günstigeren Wetterbedingungen hätte sehen können. Dann geht es nach kurzer Besichtigungstour missmutig gen Süden.

Bescheidene Aussichten von der obersten Plattform des Belfried.
Bescheidene Aussichten von der obersten Plattform des Belfried.

Auf dem Weg nach unten beeindruckt immerhin noch die Technik, die das Glockenspiel auslöst. Was für ein Aufwand, die ganzen Einzelteile hier herauf zu schaffen bei den technischen Möglichkeiten, welche früheren Generationen zur Verfügung standen. Nun ja, die hatten damals auch noch etwas mehr Zeit. Unsereiner hat dagegen schon wieder die Parkuhr der Raubritter im Hinterkopf und strebt deshalb schnellen Schrittes dem Ausgang entgegen. Angelika steht bereits in Warteposition und schon geht es auf dem kürzesten Weg zurück zum WOMO. Obwohl es erst halb Zehn ist, kommen uns schon wieder mehr als 20 Busladungen entgegen. Nichts wie weg.

Hinter Glas gegen allzu aufdringliche Besucher gesicherte Technik des Glockenspiels.
Hinter Glas gegen allzu aufdringliche Besucher gesicherte Technik des Glockenspiels.

Bis um 11:00 Uhr haben wir unser rollendes Heim startklar gemacht und erteilen dem Navi den Auftrag, uns auf schnellstem Wege in Richtung Gent zu beamen.

 

Auf dem Weg aus der Stadt decken wir uns beim Bäcker mit den Grundnahrungsmitteln ein und orientieren uns dann Richtung Autobahn. Nach dem Getucker durch die französische Provinz genießen wir es heute einmal schnell voranzukommen und trotzdem keine Maut entrichten zu müssen. Aber das wird hier sicher auch bald vorbei sein. Auf der Autobahn finden wir wieder einen Rastplatz, um das versäumte morgendliche Frühstück nachzuholen. Während wir drin gemütlich speisen, fängt es draußen an zu nieseln, keine guten Aussichten für das nicht mehr allzu ferne Gent.

 

Probleme auch bei der Suche nach dem Campingplatz. Unser Navi nimmt den Straßennamen des Campingplatzes Blaarmeersen nicht an. Da wir nicht allzu sicher waren, ob wir für Gent überhaupt Zeit haben würden, hat Michael auch bei der Routenplanung geschludert und keine Alternativen ausgekundschaftet. In unserer Not verlassen wir in Gent die Autobahn und hoffen, zunächst einmal irgendwo auf eine Beschilderung zu treffen, die uns den Weg weist. Leider tut sich in der Hinsicht gar nichts. Dann taucht allerdings ein WOMO vor uns auf und bringt uns spontan auf die Idee, das könnte vielleicht in Richtung des gesuchten CPs fahren. Also hängen wir uns dran und folgen geduldig unserem Vordermann. Als wir uns dem Hafen nähern, glauben wir schon an einen Erfolg. Aber dann müssen wir erkennen, dass unser vermeintlicher Leitwolf ebenfalls ziemlich planlos durch Gent düst.

 

Entweder sucht der selbst oder er hat wirklich ein vollkommen anderes Ziel. Jedenfalls geben wir nach zwei bis drei Kilometern Verfolgung unseren von Anfang an wohl ziemlich naiven Plan auf und stellen unser Gefährt erst einmal auf einer Freifläche ab. Wir haben ja noch den Hardcover-Campingführer des WOMOs auf der Ablage. Also macht sich Angelika ganz konventionell auf die Suche und findet ein Ausweichquartier in der Driebeekstraat im Südosten von Gent (Stadtteil Gentbrügge). Es ist lediglich ein Stellplatz, aber für eine Nacht spielt das jetzt auch keine Rolle.

Stellplatz in der Driebeekstraat im Südosten von Gent.
Stellplatz in der Driebeekstraat im Südosten von Gent.

Kurz vor unserer Ankunft lässt der Regen endlich nach und so nähern wir uns auf nassen Straßen unserer vorletzten nächtlichen Heimstatt. Obwohl der Platz überhaupt nichts Besonderes zu bieten hat, ist nicht ein freier Stellplatz zu ergattern. Zu unserem Glück und Pech zugleich findet in der nahegelegenen Sporthalle ein Turnier von Rollschuhenthusiasten statt. An die Sporthalle schließt außerdem ein Abenteuerspielplatz an, der bei diesem Wetter ebenfalls einige Besucher anlockt. Einerseits bleibt die Halle mit Imbiss und Sanitäranlagen bis zum späten Abend und auch am morgigen Sonntag geöffnet, andererseits sind dafür aber auch alle Parkmöglichkeiten erschöpft und selbst wenn einmal ein PKW wegfährt, sind die Parklücken immer so eng, dass wir keine Chance haben, den breiten Hintern unseres WOMOs in die Lücke zu bugsieren. Geduld zahlt sich aber am Ende fast immer aus und so werden wir nach 30 Minuten aufmerksamen Wartens endlich mit einer Parklücke belohnt, die unserem Gefährt ausreichend Platz lässt.

Tram unweit der Sint-Baafskathedraal.
Tram unweit der Sint-Baafskathedraal.

Der Stellplatz ist kostenlos, dafür wird Service aber auch kleingeschrieben, was uns wegen der geöffneten Halle heute aber kaltlässt. Sorge bereitet uns dagegen die Nähe zur E17, die hoch über unseren Köpfen parallel zur Driebeekstraat verläuft.

 

Immerhin befindet sich unweit des Parkplatzes die Endstation der Straßenbahnlinie 22, sodass wir eine direkte Anbindung in die Innenstadt haben. Pro Person müssen wir 3 € berappen, dürfen dann aber 60 Minuten mit diesem Ticket fahren. Zwei freundliche Flamen mittleren Alters steigen mit uns in die Tram und helfen bei ersten Orientierungsbemühungen. Irgendwo zwischen Vlaanderenstraat und Limburgstraat verlassen wir die Tram und machen uns auf den Weg in Richtung Zentrum, um nach wenigen Gehminuten die Sint-Baafskathedraal und die Lakenhalle zu erreichen.

 

Obwohl wir jetzt am Wochenende erwartet hätten in der Innenstadt auf eher noch mehr Touristen als in Brügge zu treffen, gestaltet sich der Stadtbummel deutlich gemütlicher als dort. Allerdings erscheint die Innenstadt auch etwas weniger malerisch, es fehlen die vielen engen Gässchen, die Pferdekutschen, auch auf Boote trifft man seltener, sodass wir den Eindruck gewinnen, hier haben die Einheimischen noch das Heft in der Hand.

Am Sint-Baafsplein steht gegenüber der Sint-Baafskathedraal die Lakenhalle, eine Tuchhalle, die 1425 im gotischen Baustil errichtet wurde.
Am Sint-Baafsplein steht gegenüber der Sint-Baafskathedraal die Lakenhalle, eine Tuchhalle, die 1425 im gotischen Baustil errichtet wurde.

Glück haben wir auch noch, denn zwischen Lakenhalle und Sint-Niklaaskerk ist eine Schlemmerzeile aufgebaut, an der kulinarische Köstlichkeiten an vielen kleinen Ständen angeboten werden. Preise haben die allerdings wie in der Frankfurter Fressgasse und bar bezahlen können wir auch nicht. Trotzdem wollen wir nicht mit langen Gesichtern an all den Köstlichkeiten vorbeilaufen, reihen uns also in die Warteschlange zum Erwerb der Jetons ein und sind nach fünf Minuten endlich voll geschäftsfähig.

Madame bearbeitet Krustentiere mit dem Holzhammer.
Madame bearbeitet Krustentiere mit dem Holzhammer.

Nachdem der kleine Hunger gestillt ist, geht es weiter an der Sint-Niklaaskerk vorbei über Koren- und Groentenmarkt bis ans Ufer der Leie, wo das Café Galgenhuisje daran erinnert, dass es hier in früheren Zeiten so manchem finsteren Gesellen an den Kragen ging. Jenseits der Brücke erreichen wir Burg Gravensteen („Grafenstein“), die Burg der Grafen von Flandern und eine der größten Wasserburgen Europas.

Michael gibt ihnen dann den Rest. Für den großen Hunger taugt das allerdings nicht.
Michael gibt ihnen dann den Rest. Für den großen Hunger taugt das allerdings nicht.

Nachdem wir die Wasserburg einmal komplett umrundet haben, verlieren wir uns in den Nebenstraßen. Vorbeigeht es an Restaurants und Bootsanlegeplätzen, stilvoll renovierten, ehemaligen Patrizierhäusern, aber auch entlang ganzer Häuserzeilen, die inzwischen etwas in die Jahre gekommen sind und dabei ihre ganz eigene Patina, ihren ganz eigenen Charme entwickelt haben. Bei der Fülle an möglichen Motiven hat Michael wieder einmal Mühe, die Zahl der Fotoaufnahmen zu begrenzen. Während wir also ständig fotografierend weiter durch die Stadt laufen, geraten wir eher zufällig in die Onderstraat, wo wir in einem engen Seitengäschen, der Werregaren Straat einige schöne Graffiti entdecken. Anfangs haben wir den Eindruck, die Graffiti sind wie so oft illegal hier angebracht worden, nachdem wir aber in die Gasse eingebogen sind, die Graffiti kein Ende nehmen und am Ende des Weges sogar einer dieser Straßenkünstler in aller Ruhe seinem Hobby nachgeht, wird uns klar, dass die Stadt hier öffentlichen Raum zur Verfügung gestellt hat, um andernorts schlimmeres zu verhüten.

 

Gegen 19:00 Uhr beenden wir den Stadtbummel für den heutigen Tag, orientieren uns in Richtung Stadtzentrum bis wir auf eine Haltestelle der Linie 22 treffen. Nach 15-minütiger Wartezeit fährt endlich die 22 vor und wir können es kaum erwarten einzusteigen und den Heimweg anzutreten. In Unkenntnis der hiesigen Gepflogenheiten haben wir allerdings die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn die Tram denkt überhaupt nicht daran anzuhalten, sondern fährt einfach durch. Zuerst denken wir noch, das sei eine Leerfahrt gewesen, aber als wir einige Passanten in der Bahn sehen, verstehen wir nichts mehr. Erst als eine Tram auf der gegenüberliegenden Seite in Richtung Stadt anrollt, erkennen wir das Problem. Die Straßenbahnen halten offensichtlich nur, wenn man den Arm ausstreckt bzw. dem Fahrer freundlich winkt, na das hätten wir mal früher wissen sollen, also üben wir uns in Geduld. Zwanzig Minuten später kommt endlich die nächste 22 und die Sache mit dem Winken funktioniert tatsächlich. Endlich geht’s heim.

Auf die Bauarbeiten hätte Michael gut verzichten können, aber das ist halt die Realität.
Auf die Bauarbeiten hätte Michael gut verzichten können, aber das ist halt die Realität.
Prachtvolle Häuserzeile entlang des Kanals zwischen Sint-Michielsbrug und Grasbrug.
Prachtvolle Häuserzeile entlang des Kanals zwischen Sint-Michielsbrug und Grasbrug.
Cafe Galgenhaus.
Cafe Galgenhaus.
In die Jahre gekommene Häuserzeile.
In die Jahre gekommene Häuserzeile.

Blick über die Leie zur Sint-Niklaaskerk.
Blick über die Leie zur Sint-Niklaaskerk.
Graffiti mal legal in der Werregaren Straat zwischen Hoogpoort und Onderstraat.
Graffiti mal legal in der Werregaren Straat zwischen Hoogpoort und Onderstraat.

Sonntag, 17.05.2015

Die Nacht war ziemlich übel. Trotz Wochenende weckt uns der Autobahnlärm der A14 bzw. E17 über unseren Köpfen immer mal wieder. Dazu kommt, dass die an den Stellplatz angrenzende Driebeekstraat als Langzeitparkplatz für LKW dient und mehrere LKW in unregelmäßigen Abständen ihre Kühlaggregate bzw. ihre Maschinen anwerfen.

Kühlaggregate verschiedener LKW rauben uns den Schlaf, wie halten die Kraftfahrer das nur aus, die pennen doch direkt in ihren Fahrzeugen?
Kühlaggregate verschiedener LKW rauben uns den Schlaf, wie halten die Kraftfahrer das nur aus, die pennen doch direkt in ihren Fahrzeugen?

Wir fragen uns, wie sich die LKW-Fahrer dabei erholen sollen. Unter der Autobahnbrücke befinden sich auch die Endstation der Straßenbahnlinie 22 und ein Depot der städtischen Verkehrsbetriebe, sodass unter der Woche in den frühen Morgenstunden mit weiterem Lärm zu rechnen ist. An erholsame Nachtruhe ist an diesem Platz nicht zu denken. Für uns kommt hinzu, dass sich Angelikas Erkältung verschlimmert hat. Zum Glück haben wir uns am Vorabend mit Brot eingedeckt und können vor unserem zweiten Stadtbummel noch gemütlich frühstücken.

 

Gegen 08:30 Uhr geht es erneut nach Gent. Eigentlich wollten wir wieder die Tram 22 von der Endhaltestelle aus nehmen, um in die Stadt zu fahren, aber leicht gerädert, wie wir uns heute fühlen, verpassen wir die Tram um 2 Minuten und beschließen deshalb, mit dem WOMO in Richtung Stadt zu fahren, soweit es eben geht, und den Rest der Strecke dann zu laufen. Dabei machen wir dann gleich den nächsten Fehler. Einer HP der Fremdenverkehrswerbung konnten wir nämlich entnehmen, dass am heutigen Sonntag in der Stadt insgesamt 5 Märkte ihre Pforten öffnen würden. Und als wir schon kurz nach der Abfahrt einen Markt sehen, glauben wir den südlichsten der Märkte erreicht, zu haben und stellen unser Fahrzeug ab. Nachdem wir einige Zeit über den Markt geschlendert sind, stellt sich jedoch heraus, dass wir hier in einem Vorort von Gent gelandet sind und der Weg bis in die Stadt in unserer heutigen Verfassung schlicht zu weit ist. Also bleibt nichts übrig, als bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle zu laufen, den Daumen herauszustrecken und nun doch noch mit der Tram in Richtung Innenstadt aufzubrechen. Wenn wir schon mal so gemütlich sitzen, fahren wir direkt bis zum nördlichsten der 5 Märkte durch und arbeiten uns dann nach Süden in Richtung WOMO vor.

Trödelmarkt rund um die Sint Jacobskerk.
Trödelmarkt rund um die Sint Jacobskerk.
Trödelmarkt rund um die Sint Jacobskerk.
Trödelmarkt rund um die Sint Jacobskerk.
Krieger oder Viehhirte? In jedem Fall eine beeindruckende Persönlichkeit.
Krieger oder Viehhirte? In jedem Fall eine beeindruckende Persönlichkeit.
Belgische Gemütlichkeit im Cafe Afsnis am Rande des Trödelmarktes.
Belgische Gemütlichkeit im Cafe Afsnis am Rande des Trödelmarktes.

Gegen 09:30 haben wir uns bis zum Trödelmarkt rund um die St. Jakobskirche nordöstlich des Stadtzentrums vorgearbeitet. Der Trödelmarkt ist nicht wirklich groß. Die präsentierten Schätzchen entsprechen dem erwarteten Angebot. Zwar hat das eine oder andere Fundstück eine leicht exotische Note, weil in Belgien halt Dinge angeboten werden, die so nicht zwangsläufig auf einem deutschen Flohmarkt zu finden wären. Aber wir finden nichts, wo wir sofort zuschlagen würden, weil das jeweilige Stück entweder von vornherein zu teuer ist oder weil es Gefahr läuft, zu Hause zum Staubfänger zu mutieren. Also beschließen wir nach einer Stunde trödeln der Sache ein Ende zu machen und uns lebendigen Dingen zuzuwenden. Wir folgen der Sint-Jacobsnieuwstraat in südöstliche Richtung bis an den Oude Beestenmarkt an der Neederschelde. Dort treffen wir auf einen Vogelmarkt, auf dem einheimische Nutzvögel wie Hühner, Enten und Gänse, aber auch Ziervögel und kleine Nager feilgeboten werden, die wir teilweise noch nie gesehen haben. Leben hat immer einen besonderen Reiz und da natürlich überwiegend Jungvögel angeboten werden, erhöht der Niedlichkeitsfaktor diesen Reiz noch. Aber der Markt fällt doch recht klein aus und wir gewinnen so langsam den Eindruck, die Fremdenverkehrswerbung hat Anleihen bei amerikanischen Werbetextern genommen.

Hübsche Vögelchen, aber woher kommen sie und wie mag man sie bezeichnen?
Hübsche Vögelchen, aber woher kommen sie und wie mag man sie bezeichnen?
Das hätten wir uns sparen können!
Das hätten wir uns sparen können!

Der nächste Markt setzt dem ganzen dann die Krone auf. Westlich der Sint-Michielskerk und unweit des Leieufers sollen 4 oder fünf kleine Verkaufsstände einen Lebensmittelmarkt darstellen. Für die Ortsansässigen in unmittelbarer Nachbarschaft mag das ja ganz schön sein, aber so etwas in die Touristenwerbung einzubauen, schämt euch, ihr Genter, das habt ihr doch gar nicht nötig. Immerhin sind alle Märkte fußläufig gut zu erreichen, also mussten wir zumindest nicht kilometerweit latschen oder fahren, um am Ende vor diesem Nichts zu stehen. Wenigen hundert Meter weiter erreichen wir schließlich den Büchermarkt, der sich von der Jakobijnenstraat, westlich der Leie in südliche Richtung erstreckt.

Büchermarkt am Leieufer.
Büchermarkt am Leieufer.

Der Büchermarkt ist ausreichend groß, um zumindest den Einheimischen das eine oder andere Schnäppchen zu präsentieren. Da wir des flämischen nicht mächtig sind und das Angebot an deutscher Literatur doch arg bescheiden ausfällt, halten wir uns auch hier nicht lange auf. Wieder sind nur einige hundert Meter zulaufen und schon treffen wir auf den Blumenmarkt am Kouter. Jetzt sind die Flamen natürlich in ihrem Element und weil Blumen eine für jedermann verständliche Sprache sprechen, macht die gärtnerische Fülle auch auf uns Eindruck. Angelika liebt Blumen und könnte die ganze Wohnung mit Grünzeug zustellen. Michael findet Blumen ganz ok, solange sie keine Arbeit machen. Keinesfalls möchte er jedoch mit der Machete durch das Wohnzimmer gehen, um den Ausgang zur Terrasse zu finden. Heute besteht zum Glück wenig Gefahr, dass wir mit einem halben Blumenladen heimkommen. Die Preise fallen ausreichend heftig aus, um Angelikas Kauflust zu zügeln. Gegen 13:00 Uhr ist es vollbracht. Fünf Märkte auf einen Streich, das soll uns erst einmal einer nachmachen. Wir suchen die nächstgelegene Straßenbahnhaltestelle, strecken den Arm aus und abgeht es in Richtung WOMO. Zusammenfassend darf Michael feststellen, dass Gent ebenso wie Brügge in jedem Fall einen Besuch lohnt. Vielleicht wären wir unter der Woche etwas besser gefahren, wenn alle Geschäfte geöffnet haben. Wer allerdings meint, der angepriesenen Märkte wegen nach Gent zu müssen, dem sagen wir: Bleibt zu Hause!

Blumen, soweit das Auge reicht.
Blumen, soweit das Auge reicht.
Strelitzien für 140 €? Die spinnen, die Flamen!
Strelitzien für 140 €? Die spinnen, die Flamen!
Fingerhut? Botanisch etwas unterbelichtet, muss Michael passen.
Fingerhut? Botanisch etwas unterbelichtet, muss Michael passen.

Gegen 14:00 Uhr brechen wir in Richtung Aachen-Burtscheid auf, wo wir das WOMO vor der Rückgabe am Montag aufhübschen wollen. Der idyllisch gelegene und sehr saubere, kombinierte Stell- und Campingplatz erfüllt für 15 € pro Nacht plus 1 € fürs Duschen alle unsere Erwartungen und wir können diesen Platz absolut empfehlen.

 

Leider ist Angelika inzwischen richtig stark erkältet und kann die Vorzüge unseres Domizils nicht wirklich genießen. Dass wir ausgerechnet jetzt das WOMO auf Vordermann bringen müssen, ist ausgesprochen ungünstig, aber morgen ist Übergabe, also müssen wir zusehen, dass die Innenreinigung heute noch über die Bühne geht. Während Angelika sich das Innenleben des WOMOs vornimmt, macht Michael den Abwasch, leert das Grauwasser und die Toilettenkassette, füllt den Frischwasser- und den Fahrzeugtank und räumt alle Utensilien, die sich noch auf der Grünfläche befinden in die Fahrzeuggarage. Auch wenn alles etwas langsamer vorangeht, haben wir es bis zum frühen Abend geschafft.

 

Montag, 18.05.2015

Angelika geht es noch schlechter als gestern. In der Nacht wurde sie immer wieder wach und hustete stark, sodass Michael nun ebenfalls erste Erkältungssymptome zeigt, die aber zum Glück noch so schwach sind, dass die Rückfahrt kein Problem ist. Zu unserem Glück gibt es ab 09:00 Uhr auf dem Platz Backwaren, also bereiten wir das Frühstück vor und nachdem die ersten Kaffeetassen getrunken sind, kehren die Lebensgeister zurück. Da wir spätestens um 14:00 Uhr das WOMO zurückgeben müssen, haben wir allerdings keine Zeit für ein ausgedehntes Frühstück, sondern sehen schon gegen 10:00 Uhr zu, dass wir das WOMO startklar bekommen und schon geht es ab in Richtung Heimat. Von Staus bleiben wir heute verschont und so treffen wir punktgenau um 13:30 beim Vermieter mit frisch gefülltem Dieseltank ein. Dann heißt es unser bereits vorgepacktes Gerödel wieder in unseren PKW umzuladen, die üblichen Formalitäten zu erledigen und damit endet unser erstes WOMO-Abenteuer.