Mittwoch, 14.05.2025 - vom Berg der Kreuze nach Biržai - 123 km
Heute Morgen ist der Himmel komplett wolkenverhangen. Noch ist es trocken, aber wir sind kaum vom Parkplatz heruntergefahren, da fängt es schon an zu tröpfeln. Wir fahren noch einmal kurz in die Nähe des Kreuzhügels und machen aus dem Küchenfenster mit dem Teleobjektiv einige letzte Aufnahmen. Dann geht es wieder auf die Strecke.
Bis zur Bierstadt Biržai liegen nun gut 100 km vor uns. Wir folgen erst einmal der Straße 150 in Richtung Pasvalys. Die Straße ist deutlich schlechter ausgebaut als die Fernstraße, die wir gestern noch befahren haben. Sie ist schmaler und es gibt immer wieder Passagen mit reichlich Flickstellen, Spurrillen und ausgefransten Asphalträndern. Manchmal ist die Straße so schmal, dass man sie für den Notfall an den Rändern noch mit einem breiten Schotterbankett ausgestattet hat. Aber dorthin möchte man mit 70 oder mehr Kilometern nicht wirklich ausweichen. Denn dann werden Kies oder Schotter ordentlich aufgewirbelt und zerdeppern den eigenen Unterboden und ggf. auch die Windschutzscheibe des Hintermannes. Dazu ist überraschend viel Verkehr, denn die 150 ist eine der Hauptnebenstrecken, die den Norden Litauens in Ost-West-Richtung verbindet.
Riesige Rapsfelder ziehen an uns vorbei, unterbrochen nur von kleineren Wäldchen und einigen wenigen Ortschaften oder Städtchen. In Litauen erscheinen viele Ortschaften und Kleinstädte übertrieben groß, weil sie überwiegend aus Flachbauten und kleinen Einfamilienhäusern bestehen. Diesen sind dann auch noch relativ große Grundstücke zugeordnet und so wird viel Fläche verbraucht und die Siedlungsgebiete ziehen sich endlos in die Länge. Mit Rastplätzen sieht es auch ziemlich mau aus, wir suchen und suchen, aber finden nichts. Und die ständigen Niederschläge machen uns auch langsam mürbe. Fotografieren geht eigentlich gar nicht, trotzdem halten wir mit den Handys einfach mal drauf, um später einen Eindruck von der Landschaft zu haben. Im nächsten größeren Ort (Pasvalys) entschließen wir uns dann einfach mal dort hineinzufahren und werden auf dem Parkplatz eines Friedhofs fündig. Dort stellen wir unsere Wägelchen für eine Stunde ab und ruhen uns erst einmal aus.
Die Bierstadt Biržai am Širvėnasee (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Schließlich erreichen wir unser Tagesziel Biržai. Bei der Einfahrt in den Ort kommen wir an einem ehemaligen Bahnhof vorbei.
Als Reminiszenz an längst vergangene Tage hat man hier im Umfeld dieses ehemaligen Bahnhofs einige Gleise und rollendes Material zurückbehalten. Am Gleis erkennt man, dass es sich um eine Schmalspur handelt.
Auch wenn es dieses Foto nicht unbedingt belegt, nimmt der Regen leider kein Ende. Bei dem schlechten Wetter macht es keinen Spaß in Biržai herumzulaufen und zu fotografieren.
Aber wir sind ja hier in einer Stadt mit 4 Brauereien und da sollte es ein ordentliches Bier und etwas Leckeres zu essen geben. Für dieses Ansinnen wählen wir die Brauerei Rinkuškiai in der Alyvų gatve 7-1 aus und gehen in das zugehörige Restaurant.
Schon länger wollten wir einmal die einheimischen Cepelinai oder Zeppelinas probieren. Heute haben wir die Gelegenheit dazu und nutzen sie auch. Die Cepelinai sind meist längliche Kartoffelklöße, die mit Hackfleisch, Speck, Quark oder Pilzen gefüllt sind. Dazu wird Sauerrahm gereicht. Wir nehmen zwei mit Hackfleisch und einen mit Käsefüllung.
Beide schmecken gut. Vom Bier sind wir weniger überzeugt. Also mit hessischem Bier können die hier mithalten. Aber beim bayerischen Bier haben sie keine Chance. Allerdings haben wir auch nur zwei Biere probieren können, Michael muss ja Auto fahren und Angelika trinkt höchst selten Bier. Als wir das Restaurant verlassen, regnet es immer noch. Heute müssen wir bluten für den tollen gestrigen Tag. Aber wir nehmen es gelassen. Zum Glück ist unser Womo groß genug, um sich ein wenig aus dem Weg gehen und die Zeit nach eigenem Gusto vertreiben zu können. Wir müssen jetzt immerhin 3 Stunden warten bis der Alkohol sicher abgebaut ist. Wir möchten ungern mit mehr als 0,5 Promille Alkohol angehalten werden, auch wenn wir nur ein ganz kurzes Stück fahren müssen. Bis Michael wieder fahrtüchtig ist, warten wir nun tatsächlich drei Stunden auf dem viel zu engen Parkplatz an der Brauerei. Irgendwann haben wir unsere Zeit dann abgesessen und es geht zurück an den Parkplatz Automobilių stovėjimo aikštelė unweit der Festungsanlage.
Im Netz wurde für den Parkplatz (im Bild), den wir uns für die Übernachtung ausgesucht haben vor Autoposern gewarnt. Als wir ankommen ist davon allerdings nichts zu sehen. Doch schon wenig später hören wir den ersten überdimensionierten Lautsprecher. Der Poser hat voll aufgedreht und wir spüren die Bässe bis in unseren Wagen. Wenig später kommt ein zweiter und ein dritter. Sie bleiben nicht lange, aber wir wollen den Abend in Ruhe verbringen und nicht senkrecht im Bett stehen, wenn rundherum alles ruhig ist. Zunächst bleiben wir aber vor Ort und machen, nachdem der Regen endlich wieder einmal eine Pause einlegt einen kleinen Rundgang durch die Stadt. Es ist wie so oft. Auch hier vermissen wir einen echten historischen Kern. Geschäfte und repräsentative Gebäude sind weit verstreut. Läden mit Auslagen, die vielleicht schön anzuschauen wären, trifft man eher zufällig, wenn man nur auf der Durchreise ist und nicht tagelang Zeit hat, sich gründlich umzusehen. Immerhin hat Biržai zwei schöne Kirchen und eine ehemalige Festungsanlage, von der aber nicht mehr viel übrig ist, auf deren Gelände nun aber ein schlossähnliches Gebäude steht.
Der große Parkplatz mit dem roten Pflaster (Bild oben) befindet sich eigentlich auf einer Halbinsel, die zweiseitig durch kleine Flüsse begrenzt wird (Agluona und Apaščia). Beide münden hier in den Širvėnos ežeras bzw. den Širvėnasee. Und an diesem See befindet sich auch die alte Festungsanlage von Biržai. Vom Parkplatz aus bewegen wir uns zum Seeufer und danach in Richtung Festung. Auch der See ist schön angelegt. Es gibt Kinderspielplätze ein parkähnliche Anlage und man kann bei schönem Wetter Tretboote mieten.
Über die Biržų pilies tiltas (deutsch: Brücke zur Burg Biržai) erreichen wir das Festungsgelände. Von der Festung ist nicht allzu viel erhalten, trotzdem gilt sie als besterhaltenes Bollwerk in Osteuropa und als die einzige in Litauen. Erbaut wurde sie in der Renaissance. Heute ist sie ein historisches Architekturdenkmal.
Hier befinden wir uns kurz hinter der Brücke und bewegen uns nun auf das noch erhaltene Schloss mit dem Arsenal zu.
Biržų pilies rūmai bzw. Schloss Biržai wirkt innerhalb der mächtigen Festungsanlage fast ein wenig zu klein geraten.
Hier sehen wir vermutlich eine Espe, die im heute etwas eigenartigen Licht ein wenig surreal daherkommt. Wir haben das reinste Aprilwetter mit ständigen Wechseln. Nur der Schnee fehlt uns noch. Vielleicht kommt ja unser Aprilwetter hier im Norden erst im Mai so richtig an.
Zurück am Auto sucht uns Angelika einen Übernachtungsplatz an einer Seebrücke (Biržų tiltas) in der Jaunimo gatve. Hier erhoffen wir uns deutlich mehr Ruhe für die Nacht, weil der Platz für Autoposer ungeeignet erscheint. Und so ist es dann auch.
Frei übersetzt steht hier Fußgängerbrücke über den Širvėnasee. Und tatsächlich sind wir gerade einmal 100 m entfernt vom See und einer wirklich schönen Seebrücke.
Nach recht viel Regen haben wir nun doch noch ein versöhnliches Ende des Tages, denn der Himmel reißt auf, immer mehr Blau kommt zum Vorschein und schließlich findet die Sonne auch wieder den Weg zu uns. Da muss Michael unbedingt noch einmal über den See laufen.
Zwischen 20:30 Uhr und 21:30 Uhr Ortszeit erleben wir einen wunderbaren Sonnenuntergang, den wir uns nach dem langen Regentag nicht mehr erhoffen konnten.
Hier sehen wir, jenseits der Seebrücke, das Herrenhaus Astravas (Astravas Manor) in Biržai. Es gilt als eines der besten Beispiele für die Architektur des Romantizismus im ausgehenden 19. Jahrhundert in Litauen. Das Herrenhaus befindet sich auf einer Halbinsel im See Širvėna, dem ältesten künstlichen See Litauens. Die Anlage war im Besitz der prominenten litauischen Adelsfamilie Tyszkiewicz. Die Gedenkstätte „Astravas“ in der Nähe erinnert an die dort im August 1941 ermordeten Juden von Biržai. Astravas liegt von unserem Übernachtungsplatz aus gesehen auf der anderen Seite der Seebrücke.
Vermutlich ein ehemaliger Wasserturm, den Google allerdings nicht zuordnen kann. Der Turm steht 125 m nordöstlich des Herrenhauses Astravas.
Hier ist Michael bereits wieder auf dem Rückweg über die Seebrücke und genießt die letzten Sonnenstrahlen.
Die Seebrücke, kurz vor Sonnenuntergang, von unserem kleinen Übernachtungsparkplatz auf der Südseite des Sees aus aufgenommen.
Auch die Uferbepflanzung des Sees macht unter diesen Umständen eine wirklich gute Figur. In Biržai gäbe es noch einiges zu sehen. Ein Tag mehr Aufenthalt, hätte uns sicher nicht gelangweilt.
Donnerstag, 15.05.2025 - von Biržai nach Bauska (Lettland) - 92 km
Neuer Tag, neues Glück? Nein, nicht für uns. Der Himmel macht da weiter, wo er gestern Nachmittag aufgehört hat. Über den gestrigen Abend konnten wir uns, wie ihr ja gerade gesehen habt, allerdings nicht beklagen. Heute Morgen statten wir der Alus-Brauerei einen Besuch ab. Wir wollen auch deren Bier einmal probieren. Vielleicht kommt es ja geschmacklich etwas eher unseren Vorstellungen nahe. Wir nehmen jeweils ein Liter von 2 verschiedenen Bieren mit und hoffen die richtigen ausgewählt zu haben. Was Bier angeht, haben wir sicher zu wenig Zeit in der Stadt verbracht, denn es soll einige richtig urige Kneipen geben, die wir aber wegen des Alkohols ohnehin nicht alle hätten ausprobieren können.
Bei der Abfahrt sehen wir zufällig einen Lebensmittel- und Kleidermarkt, ich suche mir schnell einen Parkplatz und lasse Angelika alleine stöbern. Viel findet sie nicht, aber etwas Gemüse und Dill für ein Fischgericht bringt sie mit.
Von Biržai brechen wir nun auf zu einem ersten Zwischenziel, das noch in Litauen liegt. Der Ort heißt Kirkilai und liegt weniger als 10 km nordwestlich von Biržai. Der Regen nimmt inzwischen wieder deutlich zu und es weht auch ein eiskalter Wind. Immerhin müssen wir keine Schotterpiste fahren, sonst hätten wir uns den Wagen komplett versaut (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Das Dorf Kirkilai liegt im Landschaftsreservat Kirkilai des Regionalparks Biržai, das reich an Dolinen und Karstseen ist. Westlich des Dorfes entspringt der Bach Čeriaukštė. Hier befindet sich auch der 3,9 Hektar große Kirkilaisee. Der Bach Šilinė (Šilinėlios), ein Nebenfluss der Apaščia, fließt durch das Dorf.
Ein Bus mit Schülern verlässt gerade den Platz als wir ankommen, also sind wir wieder einmal ganz alleine. Denen scheint das miese Wetter allerdings gar nichts auszumachen. Litauer sind daran wohl gewöhnt. Wir sehen uns jetzt erst einmal die weitere Entwicklung an. Ohne Schirm wird es nicht gehen, aber den heftigsten Schutt muss man jetzt auch nicht unbedingt mitnehmen. Angelika winkt beim Blick nach draußen ohnehin gleich ab. Michael hat meist im Kopf, dass wir irgendwann wieder einmal die Location ansteuern und dann wäre es doch schön bereits ein paar Informationen zu haben. Wie auch immer, er packt sich einen großen Schirm und los geht es. Natürlich führt der erste Weg zum Aussichtsturm. Da bekommt man gleich einen guten Überblick.
Auf dem Weg zum Turm kommt er an diesem Idyll vorbei. Da fehlen einem die Worte. Die Gemeinde hat das ganze Areal so toll hergerichtet und dann so etwas.
Neben der Abfallstation gibt es auch Toiletten.
Und im Sommer einige Verkaufsstände. Warum die Toiletten abgeschlossen sind, kann man sich denken, wenn man die Abfallbehälter sieht. Das schadet einfach uns allen.
Der Turm ist ein richtiger Koloss. Trotz der offenen Bauweise schützen die Seitenwände ein wenig vor dem garstigen Wind.
In der Mitte der obersten Treppe sind Bänke angebracht, auf denen man bei besseren Wetterbedingungen die Aussicht genießen, sich ausruhen oder picknicken kann.
Oben angekommen befindet man sich auf dieser Aussichtsplattform. Kaum tritt man aus dem Windschatten der seitlichen Wände heraus, windet es heftigst. Michael reißt es fast den Schirm aus der Hand. Nein, das macht heute wirklich keinen Spaß.
Diesen Blick hat man jetzt in Richtung Parkplatz.
Und diesen Blick hat man in Richtung des Karstsees. Der kleinteilige, in sich verschlungene Wechsel von Wasser- und Landflächen ist ganz typisch für den Karst. So ein Idyll entsteht, wenn Karbonatgestein im Untergrund über lange Zeiträume partiell gelöst und weggeführt wird. Dann entstehen Hohlräume, die irgendwann einbrechen und an der Erdoberfläche Senken zurücklassen. Die können sich dann im Laufe der Zeit mit Feinkorn füllen, das den Abfluss weiteren Wassers verhindert, sodass sich Oberflächengewässer ausbilden.
Zwischen den mit Wasser gefüllten Erdfalllöchern, die sich unförmig zwischen der bewaldeten Fläche durch die Landschaft ziehen, schlängelt sich ein hübsch angelegter Rundweg (vgl. Kärtchen oben) unter Bäumen hindurch und über schwimmende Brücken.
Blick vom Rundweg auf den Aussichtsturm. Es ist nur ein kurzer Weg, der in 15 Minuten zu bewältigen ist, aber der ist sehr vielgestaltig und abwechslungsreich.
So haben wir jetzt trotz aller Wetterkapriolen wenigstens ein paar aussagekräftige Bilder. Schade, dass wir so ungünstige Bedingungen haben, bei blauem Himmel wäre das ein ganz anderer Tag gewesen.