Samstag, 14.06.2025 - von Tartu nach Haanja - 145 km
Am Morgen fahren wir erst einmal zum Bahnhof von Tartu. Zweck der Übung ist die Trinkwasseraufnahme. Es ist eine mühsame Angelegenheit an dieser Munddusche, aber wir haben wieder 25 Liter mehr Vorrat und das hilft. Michael sieht so etwas meist von der sportlichen Seite. Wer weiß schon, wo wir landen, da ist es immer besser, vorbereitet zu sein.
Da heute Morgen auch noch deutlich besseres Wetter als bei unserem ersten Besuch ist, lichtet Michael auch gleich noch den ganzen Bahnhof ab.
Der Bahnhof zeigt reichlich Holzarchitektur, was das Gebäude pflegebedürftig macht, ihm aber auch ein ganz besonders reizvolles Aussehen verleiht.
Und beim morgendlichen Sonnenschein kommt das auch deutlich besser zur Geltung als mit weißgrauem Himmel.
Ein Nahverkehrszug wartet auf die Ausfahrt aus dem Bahnhof.
Auch die inneren Werte des Bahnhofs sind nicht zu verachten.
Und auch die Bahnhofshalle kommt sehr gepflegt daher. Jetzt können wir auch noch an dieses Objekt einen Haken machen und wenden uns nun wieder dem ländlichen Estland zu.
Das Kärtchen zeigt die Lage des Wanderparkplatzes RMK Taevaskoja parklaeinige, ca. 35 km südöstlich von Tartu gelegen (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Das Foto zeigt das Bahnhofsgebäude Taevaskoja an der Straße 146, unweit des Cafés Lattekoda und des Wanderparkplatzes RMK Taevaskoja parkla gelegen.
Zunächst einmal fahren wir nach Taevaskoja zum RMK-Wanderparkplatz Taevaskoja parkla. Der Parkplatz ist bei unserer Ankunft noch fast leer, bei der Abfahrt wird er voll sein. Bei dem schönen Wochenendwetter wollen alle aus der Stadt heraus in die Natur, das kann man verstehen. Der Platz hat zwei Bank-Tisch-Kombinationen, die aber offenbar zu einem kleinen Kiosk gehören.
In einem Kiosk werden kleine einheimische Speisen wie Soljanka und Ähnliches verkauft, Eis gibt es ebenfalls und natürlich Getränke.
Weiterhin gibt es auf dem PP Trockentoiletten, die einen recht guten Eindruck machen. Hier könnte man prima übernachten, darf man aber nicht, wie man der Beschilderung entnehmen kann. An der Zahl der Wanderer, die im Laufe des Morgens hier eintreffen, können wir ermessen, dass es hier einiges zu sehen gibt.
Zunächst führt uns ein kurzer Stichweg nach 5 Minuten hinunter an eine Staustufe. Das aufgestaute Wasser bildet einen etwa 4 Kilometer langen See. Unter einer Straßenbrücke stürzt das Seewasser schäumend ins Tal.
Unweit des Stauwehrs ist ein kleines Ausflugsfloß vertäut. Die Abfahrtszeiten des Bootes sind allerdings keinem Aushang zu entnehmen. Vielleicht fährt es ja erst im Juli.
Mehrere Fußgängerbrücken queren den Fluss.
Noch vor dem Stauwehr biegen wir rechts ab und folgen dem Wanderweg westlich des Flusses Ahja in südlicher Richtung zum Aussichtspunkt Taevaskoja Neitsikoobas und dann zu einer zweiten Fußgängerbrücke, an der wir den Fluss nach Osten überqueren können.
Auf der Ostseite des Flusses ist eine große Lichtung ausgebildet, an deren Rändern die Forstverwaltung RMK mehrere Picknickplätze eingerichtet hat. Hier kann man wunderbar eine Brotzeit machen und einen sonnigen Tag genießen. Nach Westen blickt man auf einen Prallhang, an dem der Fluss die Felswände freigelegt hat. Die Wände sind teilweise mehr als 10 Meter hoch. Die einfache Wegstrecke bis zu dieser Lichtung beträgt knapp 1,5 km, der Weg ist ein wenig profiliert, aber lange Steigungen gibt es nirgendwo. Das ist also leicht zu schaffen.
Mit der Brücke am Stauwehr gibt es auf dieser Strecke insgesamt 3 Fußgängerbrücken, sodass man auch immer einmal wieder die Seite wechseln kann. Wir nehmen für den Rückweg die Ostseite des Flusses.
Hier gibt es ein wenig mehr Treppen, die die Steigungen etwas angenehmer überwinden helfen.
Im Laufe der Wanderung treffen wir immer mehr Leute, die sich auf den Weg gemacht haben. Trotzdem ist der Pfad noch nicht überlaufen. Als wir auf dem Rückweg wieder den Stausee erreichen, kommen uns auf dem Gewässer Kanus entgegen. Etwas oberhalb muss es also einen Bootsverleih geben. Außerdem ist das Floß, das wir heute Morgen noch am Ufer vertäut gesehen haben, nun weggefahren. Es scheint also doch so zu sein, dass es aktuell bereits fährt. Schade, dass es keinen Fahrplan gibt, wir hätten gerne mal eine Runde auf dem See gedreht.
Über die Brücke geht es zurück Richtung Parkplatz. Dort haben wir wieder einmal mit dem doch recht mühsamen Verhalten mancher renitenter Einheimischer zu kämpfen. Die setzen sich bei schönstem Wetter mitten auf dem Wanderparkplatz ins Auto und lassen den Motor laufen. Das kostet Sprit, macht mitten in der Natur unnötig Lärm und verpestet das Umfeld. Immerhin sitzen draußen ja auch Leute an den Tischen und machen Brotzeit. Für uns komplett unverständlich. Da wir noch näher dran sind, ziehen die Abgase auch bei uns ins Auto. Also schließen wir sämtliche Luken und hoffen, dass das verstanden wird. Aber dem ist nicht so. Gegen 13:30 Uhr machen wir Mittagessen, danach gibt es für beide jeweils noch 2 Eis (eins zu viel, um ehrlich zu sein). Dann geht es weiter nach Piusa.
Piusa bezeichnet einen Ort und einen Fluss (estnisch Piusa jõgi) im südwestlichen Estland und der russischen Oblast Pskow. Der Fluss entspringt bei Plaani, Gemeinde Haanja im Kreis Võru. Seine Länge beträgt 109 km. In einem Abschnitt von 17 km bildet er bei Petschory die Grenze Estlands zur Russischen Föderation. Nach weiteren 14 km mündet er auf der russischen Seite in den südlichen Teil des Peipussees, den Pleskauer See. Das Einzugsgebiet der Piusa umfasst 796 km², davon liegen 508 km² auf estnischem Gebiet. Ihr Gefälle von 212 m ist das höchste aller estnischen Flüsse.
Das Kärtchen zeigt den Standort der Sandsteinhöhlen von Piusa (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Gegen 16:30 Uhr treffen wir an den Sandsteinhöhlen von Piusa ein. Auf dem Parkplatz stehen nur wenige Fahrzeuge. Eigentlich für Pkw konzipiert, ist an einigen Stellen genügend Freiraum nach hinten, sodass man auch mit einem längeren Fahrzeug bequem parken kann. Wir bewegen uns gemeinsam in Richtung des Besucherzentrums und erfahren dort, dass man die Höhlen nicht auf eigene Faust, sondern nur im Rahmen einer Führung besichtigen kann.
Die nächste Führung startet in 20 Minuten. Bis dahin haben wir also noch etwas Zeit, um uns im Besucherzentrum (Bild oben) ein wenig umzusehen. Im Besucherzentrum werden verschiedene Varietäten der hier abgebauten Sande gezeigt. Wer möchte, kann sich auch im Café verköstigen lassen. Langeweile kommt hier nicht auf.
Angelika verzichtet auf die Führung, also tritt Michael den Weg alleine an. Michaels Guide ist ein 14-jähriges Mädchen. Das deutet wieder einmal darauf hin, dass es in Estland mit Personal nicht allzu gut bestellt ist. Mangels weiterer Interessenten bekommt Michael dann auch noch eine Privatführung. Vom Besucherzentrum geht es hinüber zu diesem Gebäude. Michaels Guide öffnet die Tür und dann blicken wir die Treppe hinunter in diesen Vorraum.
Die junge Dame spricht ein sehr hartes Englisch, das schwer zu verstehen ist. Für ihr zartes Alter macht sie ihre Sache gut, schlägt allerdings ein Tempo an, das zusammen mit der harten Aussprache dazu führt, dass die wenigsten das verstehen dürften. Hinzu kommt, dass man mit Fakten überschüttet wird, ohne etwas nachlesen zu können, sodass man wenig Chancen hat, sich das alles zu behalten. Da Michael der einzige Gast ist, kann er immerhin mehrfach nachfragen und nimmt dann doch die eine oder andere Information mit. Wäre er mit einer Gruppe hier drin, würde er wohl sehr wenig an Informationen mit nach Hause nehmen können. Michael selbst hätte diese Führung mit 14 nicht halten können. Sein Englisch war viel zu schlecht. Geben wir also der jungen Frau noch ein paar Jahre. Gut möglich, dass sich Aussprache und Tempo dann etwas besser an das Aufnahmevermögen der Besucher angepasst haben.
Diese beiden einladenden Treppen führen hinunter in das Sandsteinlabyrinth, und Michael schreitet beherzt auf eine der Treppen zu, bereit, sofort in die Tiefen des Raumes vorzudringen. Doch Michaels Guide bremst ihn umgehend aus und meint, es sei leider nicht möglich, dort hineinzugehen. Die Frau kann ja nichts dazu. Für Michael ist das aber eine herbe Enttäuschung. Auf Michael wirkt das so, als würde man ihm im Restaurant eine wirklich gut aussehende Speise auf den Tisch stellen und ihm dann mitteilen, dass er davon nichts essen darf.
Es soll mal Zeiten gegeben haben, da durfte man tiefer in die Höhle hineingehen. Dass das nicht mehr so ist, liegt zum einen daran, dass der Sandstein nicht besonders tragfähig ist und die Deckschichten im hinteren Teil Mächtigkeiten von bis zu 6 Metern, im vorderen jedoch nur bis zu 2 Metern aufweisen. Außerdem scheint von manchen Besuchern Schindluder mit den Wänden getrieben worden zu sein. Und der Schutz der Fledermäuse, ist ein weiterer Punkt. Die Fledermäuse sind allerdings auch der Grund dafür, dass es die Höhlen überhaupt noch gibt. Denn ursprünglich sollten die Höhlen gesprengt werden. Als man dann aber die Säugetiere entdeckte, entschied man sich, dieses Refugium zu erhalten.
Es bleibt also nichts übrig, als sich vor dem Labyrinth die besten Fotopositionen auszusuchen und dann möglichst aussagekräftige Aufnahmen zu machen, um wenigstens einen kleinen Einblick zu gewinnen. Und auch da kann Michael von Glück sagen, dass er alleine ist. Mit einer Gruppe kannst du das dann komplett vergessen. Wie man diversen historischen Fotos und auch dem Vortrag entnehmen kann, haben anfänglich auch Frauen beim Sandabbau mitgeholfen. Die Arbeit war aber zu schwer. Deshalb blieb der Abbau irgendwann dann doch den Männern vorbehalten. Die Männer, die diese mühevolle Arbeit gemacht haben, bekamen lediglich so eine Art Mindestlohn, auch wenn es diese Begrifflichkeit zu Beginn des Abbaus gar nicht gab. Wegen der schweren Arbeit bekamen sie neben dem Lohn mindestens ein Kilo Fleisch. Für welchen Zeitraum das galt, hat Michael aber nicht behalten. Die Männer sollen durchschnittlich 10 Jahre früher als ihre Alterskameraden, die diese Arbeiten nicht verrichteten, gestorben sein. Um die Deckschichten nicht einstürzen zu lassen, hat man beim Abbau Sandsteinsäulen stehen lassen, die das Deckgebirge abstützen.
In den Sandsteinhöhlen von Piusa sind ausgesprochen feine und reine Sande abgelagert worden, die sich für die Glasproduktion deshalb besonders eigneten. Der Abbau erfolgte zwischen 1922 und 1966. Warum der Abbau danach eingestellt wurde, habe ich nicht ganz verstanden.
Als die Führung beendet ist, sehen wir uns auch noch das Umfeld des ehemaligen Quarzsandabbaus an.
Das Außengelände ist recht abwechslungsreich. Unterschiedliche Höhenniveaus ermöglichen schöne Übersichtsfotos.
Und Kinder haben hier auch ihren Spaß, wenn sie die sandigen Hänge hinaufkraxeln und dann hinunterrennen können.
In Haanja stellen wir uns zunächst an einen RMK Platz. Der ist aber bereits von einer Gruppe Jugendlicher in Beschlag genommen worden. Zelte signalisieren, dass die hier auch übernachten werden. Da wir befürchten, dass die Nacht feuchtfröhlich wird, ziehen wir dann doch noch einmal um zum Parkplatz am Biathlonstadion von Haanja. Dort verbringen wir dann eine ruhige Nacht.
Das Kärtchen zeigt die Lage des RMK Vaskna järve lökkekoth, einem wirklich schönen Platz, den wir an diesem Tag allerdings nicht nutzen konnten. Und es zeigt unseren Übernachtungsplatz am Biathlonstadion von Haanja (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).