Von Ventspils nach Slītere

Montag, 19.05.2025 - von Ventspils (deutsch: Windau) nach Slītere - 109 km

Ventspils, Būšnieki-See, Ovisi, Irbene, Slītere

Ventspils Hafen und marktplatz

Am Morgen geht es Michael etwas besser, trotzdem fühlt er sich immer noch, als hätte ihn ein Pferd getreten. Wir frühstücken und sehen uns dann auf dem Marktplatz um, der gerade gegenüber unserem Parkplatz liegt. 

Hafen, Zentrum und der Marktplatz von Ventspils mit einer Übernachtungsmöglichkeit am Glockenspiel (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0). 

Das bekannte und von manchem Wohnmobilisten ungeliebte Glockenspiel am Marktplatz von Ventspils. Rechts hinten sieht man unseren Brummer, der steht doch eigentlich weit genug weg. Wir fanden jedenfalls das Glockenspiel nicht zu laut. Vielleicht hören wir inzwischen einfach zu schlecht.

Das sind mit die schönsten Marktstände, die wir bis jetzt im Baltikum gesehen haben. Der Markt ist für ein überschaubar großes Städtchen ganz schön groß. Da es Montag ist, sind aber 90 Prozent der Stände nicht besetzt. Am Samstag wäre hier richtig was los gewesen.

Auch diese Markthalle sieht wie geleckt aus. 

Vom Marktplatz aus gehen wir weiter ins Städtchen, bleiben aber in der Nähe des Hafens, ohne sicher zu sein, ob wir hier im Zentrum sind. 

So manches Gebäude ist uns ein Foto wert. 

Auch wenn die Burg (gelbes Gebäude hinten) von außen gar nicht als solche zu erkennen ist, wären wir sehr gerne hineingegangen.

Aber leider ist die Burg am Montag geschlossen. Schon seltsam, so eine Burg. 

Also anzuschauen gäbe es in Ventspils noch einiges. Aber die Natur des Küstenabschnitts zwischen Ventspils und Kap Kolka zieht uns schon jetzt in ihren Bann. Wir haben uns schließlich vorbereitet und wissen in etwa, was uns dort erwartet.

Eine Schleife zum Hafen und von dort die Venta entlang ist aber noch drin.

Im Hafen wird Kohle ausgeladen, das dürfte im Baltikum immer noch ein wichtiger Brennstoff sein, wenn man sieht, wie viel Holz hier auf den Grundstücken der Dörfer herumliegt.

Ein kräftiges Kerlchen, dem sich Angelika hier an den Hals schmeißt.

Hübsche Buden an einer Flaniermeile. Da hätten wir natürlich auch gerne einmal gesehen, was die denn wohl verkaufen.  

Am Frachtterminal der Stenaline kann Michael in einer Dusche für Fernfahrer umsonst duschen, da lässt er sich doch nicht zweimal bitten. Trinkwasser können wir ebenfalls aufnehmen und die Scheibenwaschanlage befüllen. Für Angelika fahren wir anschließend an eine nahegelegene Tankstelle, damit auch sie duschen kann. Michael kann hier außerdem AdBlue tanken. Danach verlassen wir Ventspils und fahren zu einem Badeplatz am Būšniekisee, der 8 km nördlich des Marktplatzes von Ventspils bzw. Windau liegt. 

Badeplatz am Būšnieki-See Nördlich Ventspils

Lage des Badeplatzes am Būšniekisee. Der unweit Staldzene und nördlich Būšnieki gelegene Badeplatz ist heute unser erstes Zwischenziel (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).

Ein wirklich schöner Badeplatz am Būšnieki-See, vor allem auch für mittelgroße Kinder, denn das Wasser ist relativ flach. Leider gibt es hier keinen Abstellplatz für Wohnmobile. In der Hauptsaison und an Wochenenden muss man improvisieren.   

Das Wasser am Būšnieku ezera peldvieta (Badebereich am Būšnieku-See) ist glasklar. Zusammen mit dem gelblich durchschimmernden Untergrund eine wirklich einladende Location. Ganz klein sieht man oben in dem Wäldchen unseren Brummer durchschimmern. Stehen dürfen wir da eigentlich nicht. Aber wir wollen ja nur einige Fotos machen, da geht das schon mal. 

Ostseestrand nördlich Staldzene bei Ventspils

Nun wollen wir aber auch endlich mal wieder an die Ostsee. Vom Badeplatz folgen wir hierzu der Straße P 77 knapp 2 km nach Südwesten, biegen dort nach rechts auf die Stichstraße in Richtung Ostsee bzw. Staldzenes stāvkrasts ein und erreichen kurz vor dem Strand einen Parkplatz. Der Platz würde sich auch als Übernachtungsplatz eignen. Aber wir sind ja heute kaum vorangekommen. 

 

Wir laufen jetzt erst einmal zum Strand. Am Ende eines kurzen Waldweges führt eine Holztreppe über eine kleine Steilstufe an einen kiesigen Sand. Die ersten hundert Meter des Strandes sind mit etwas Bauschutt verunstaltet.

Danach legt der Strand wieder ein natürliches Kleid an. Der mehr als 5 m hohe Hang ist stellenweise recht feucht, weil Oberflächenwasser über einem Grundwasserstauer austritt und die Böschung hinunterfließt.  

Unten liegen Treibholzstämme, die darauf hindeuten, dass Stürme immer wieder Teile der aufgelockerten Böschung abtragen. Wir laufen etwa einen Kilometer den Strand hoch und dann auf demselben Weg wieder den Strand hinunter. Mit der Steilstufe ist das hier ein recht abwechslungsreiches Stück Küste.

Zurück am Wohnmobil geht es auf die Küstenstraße P 124 und auf der dann weiter zum nächsten Zwischenziel, einem Leuchtturm mitten im Wald, beim Weiler Ovisi gelegen. Der Wald ist herrlich hier oben, und das Asphaltband ist richtig harmonisch eingepasst. Überhaupt ist unser Eindruck, dass die Natur auf den 80 Kilometern zwischen Ventspils und Kap Kolka mit zum Schönsten gehört, was das Baltikum zu bieten hat. Wenn man hier allerdings nur durchrast, wird man wenig davon haben. Es gibt keine Weltwunder zu bestaunen, aber mit ein wenig Mühe und Geduld trifft man auf vielgestaltige Küstenabschnitte und eiszeitlich geprägte Landstriche mit Steilküsten, Sanderflächen und Mooren, die einen Aufenthalt hier oben ausgesprochen erholsam machen. Obwohl wir etwas mehr Zeit als der durchschnittliche Besucher mitbringen, geht es eigentlich auch bei uns zu schnell. Allerdings betrachten wir erste Besuche in Ländern, die wir noch nicht kennen, als orientierende Veranstaltungen, bei denen wir die schönsten Flecken erkunden, um sie später vielleicht einmal etwas länger in Augenschein zu nehmen. Und dieser Landstrich wird dann garantiert dazugehören.

 

Etwa 20 km nördlich von Ventspils biegt die Ostseeküste nach Osten um. An diesem Knie biegt eine Stichstraße von der P 124 nach Nordwesten in Richtung Ovisi ab. Schon kurz nach der Straßeneinmündung geht es über eine Schotterpiste bis zu einem kleinen Parkplatz. 

Eine mit viel Liebe zum Detail gefertigte kleine Poststation auf dem Weg nach Ovisi. "Laimes pastkaste" oder "Briefkasten des Glücks" steht auf dem Holzschild. Und weiter, ziemlich frei übersetzt: "Lūdzu aprakstiet kadu no jusu dzives laimīgākajiem brīžiem" - "Bitte beschreiben Sie einen der glücklichsten Momente Ihres Lebens". Den weiteren Text kann Michael nicht eindeutig entziffern, also lässt er die Finger davon, aber das ist ja schon einmal ein schöner Anfang. Mit Max Raabe möchte man sagen: "Heute ist ein guter Tag, um glücklich zu sein..........". 

Das Kärtchen zeigt den Standort des Leuchtturms bei Ovisi und einen weiteren, richtig schönen Strandabschnitt. Wir fühlen uns hier oben sauwohl (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0). 

Vergrößerte Darstellung des Kärtchens oben mit den beiden naturbelassenen Parkplätzen in Ovisi. Vom Parkplatz rechts führt unser Weg zum Leuchtturm, von dort durch etwas unwegsames Gelände an den Strand, dann den Strand entlang nach Nordosten, bis wir den Stichweg in Richtung Ovisi erreichen und über diesen zu unserem rollenden Heim zurückkehren (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).  

Der Parkplatz ist etwa einen Kilometer vom Meer entfernt. Auch hier könnten wir übernachten und kommen so langsam ins Grübeln. Aber hungrig sind wir auch, und so machen wir Mittag. Danach laufen wir erst einmal in südliche Richtung zum ehemaligen Leuchtturm. 

Gerne hätten wir uns den einmal aus der Nähe angesehen, doch Montag ist Ruhetag und das scheint überall so zu sein. Ein paar Fotos vom Rand der Grundstücksbegrenzung müssen reichen, dann geht es nach Gefühl quer durch den Wald in Richtung Strand. 

Hier haben Moose den Waldboden in Besitz genommen. Man ahnt, wie geschmeidig der Untergrund ist, und würde am liebsten mal darüberlaufen. Doch schon Goethe mahnte: ..... soll ich zum Welken gebrochen sein? Nein, natürlich nicht. Wir bleiben auf dem Weg. Schon verrückt, was einem im Wald alles so durch den Kopf geht. 

Nach ein wenig Suchen erreichen wir die Küste, die nun deutlich anders aussieht als unten in Staldzenes stavkrast. Hinter einem Dünenfeld läuft der Strand flach aus und führt wesentlich mehr Gerölle. 

Den Strand entlang laufen wir in nördliche Richtung, bis wir wieder auf Höhe unseres Wohnmobils sind, biegen dann auf einen Waldweg nach Ovisi ein und erreichen unser rollendes Heim. 

Nun ist es bereits 17:30 Uhr und wir kommen schon wieder ins Grübeln, ob wir hier nicht übernachten sollten, fahren dann aber erneut weiter.

Als Nächstes geht es zum Ventspils International Radio Astronomy Center (VIRAC), einer Forschungseinrichtung für Radioastronomie bei Irbenes. Das sind von Ovisi lediglich 13 km Strecke. Die Einfahrt ist durch ein Hinweisschild deutlich markiert. Bei der von der P 124 nach Süden abgehenden Stichstraße handelt es sich überwiegend um eine rumpelige Betonpiste, das letzte Drittel der knapp 2 km langen Stichstraße besteht aus einer Schotterpiste. Oben im Bild sieht man alte sowjetische Wohnblöcke, die man sich selbst überlassen hat.

Bei der Anlage handelt es sich um eine ehemals militärischen Zwecken dienende Einrichtung der Sowjetunion. Sie befindet sich 25 Kilometer nordöstlich von Ventspils und 4 km südlich der Ostseeküste. Seit dem Abzug der sowjetischen Truppen 1994 verwendet die Lettische Akademie der Wissenschaften die Anlage für Forschungszwecke. Dazu mussten allerdings umfangreiche Reparaturen zur Behebung von vorsätzlichen Zerstörungen durchgeführt werden.

In seiner aktuellen Konfiguration besteht das Radioteleskop in der Hauptsache aus zwei voll beweglichen Parabolantennen mit 32 bzw. 16 Metern Durchmesser, eine davon zählt in Bezug auf die technischen Parameter zu den präzisesten in Nordeuropa. Schön anzuschauen, wenn man so etwas noch nie gesehen hat. Leider steht die Sonne gerade genau hinter der Antenne und so wird es mit den Fotos sehr schwierig. Und das Besucherzentrum hat ja montags wohl auch geschlossen und zu dieser späten Stunde allemal. Die Sicht von unten nach oben ist ebenfalls ungünstig. Hier wäre ein Aussichtsturm wirklich hilfreich und eine weitere Attraktion. So, jetzt wird es aber allerhöchste Zeit, ein Nachtquartier zu suchen. Wir merken uns: Sollte man hier vorbeischauen, dann nicht am Montag und möglichst am Morgen! 

Wir entschließen uns, bis Slītere weiterzufahren und dort am Parkplatz unweit des Leuchtturms zu übernachten. Gegen 19:30 Uhr sind wir vor Ort. In der Stellplatz-App P4N ist der eigentlich nur als Tagesparkplatz ausgewiesen, aber vor Ort finden wir keine Einschränkungen. Nächtliche Besucher waren darüber hinaus auch schon einige hier und haben ebenfalls nichts von Einschränkungen berichtet. Könnte höchstens sein, dass das Problem darin liegt, dass der Platz gerade noch im Nationalpark liegt. Wir sind aber jetzt schon so spät dran, dass wir beschließen, dazubleiben und die Nacht hier zu verbringen. 

 

In dieser abgelegenen Ecke sind wir um diese Jahreszeit ohnehin alleine. Der Platz liegt wunderschön mitten in der Natur, ist annähernd eben, mit 2 Miettoiletten ausgestattet und hat mehr als genug Raum, um unser Mobil perfekt zu platzieren. Wir verbringen hier einen wunderschönen Abend.

Das heutige Programm hätten wir in Südeuropa niemals schaffen können, weil es einfach zu früh dunkel wird. So werden wir dann doch wieder für den einen oder anderen Regentag entschädigt, der uns einige Zeit gekostet hat.

Wir übernachten am roten Leuchtturm in Slītere unweit Kap Kolka!