Mittwoch, 04.06.2025 - von Haapsalu nach Vääna-Jõesuu - 155 km
Auch in Haapsalu haben wir wieder wunderbar geschlafen und hatten gestern auch schon wieder einen tollen Sonnenuntergang. Wir machen uns so langsam startklar, Frühstück fällt aus, aber eine Tasse Kaffee muss sein. Wir verlassen Haapsalu in Richtung Nordküste. Hierzu müssen wir erst einmal ein kurzes Stück auf der A9 zurücklegen, was uns gar nicht zusagt. Es ist gewissermaßen die Rennstrecke nach Tallinn, ziemlich viel Verkehr und immer mal wieder riskante Überholmanöver. Wir sind froh, als wir nach acht Kilometern auf die Straße 17 nach Norden abbiegen dürfen. Der Straße 17 folgen wir weitere 5 km und dann geht es bei Linnamäe auf die 230 und damit in die tiefste Provinz. Nun wird es wieder richtig ruhig. Auf der Nebenstrecke sehen wir auch wieder mehrere Schilder, die auf Elchpassagen hinweisen, allein der Elch verweigert sich unseren Blicken.
Wir wollen eigentlich an das Kap Põõsaspea neem, nördlich Dirham. Kap Põõsaspea ist das am weitesten nordwestlich gelegene Kap des estnischen Festlandes und ein bekannter Beobachtungsort für Wasservögel. Doch die Straßen in Richtung dieser Landzunge sind so klein, dass wir sie auf dem Bildschirm kaum noch erkennen können, und so verfahren wir uns auf unübersichtlichen Waldwegen und erreichen das Kap nicht.
Also drehen wir um und fahren weiter nach Rannaküla. Dort treffen wir auf einen wenig erschlossenen Küstenabschnitt, der nichts Einladendes hat. Trotzdem steigen wir aus und sehen uns den Strand einmal aus der Nähe an. Am Strand liegen zum Teil recht große Findlinge im Wasser, aber die Wasserqualität ist schlecht, überall abgestorbene Algen, und es stinkt ordentlich. Etwa 1,5 km geht es den Strand entlang. Als es nicht besser wird, drehen wir in Richtung Wald ab, um den Rückweg etwas abzukürzen. Dabei treffen wir überall auf Privatgrundstücke. Einen Weg in Richtung Hauptstraße finden wir nicht, und so laufen wir notgedrungen durch privates Gelände und erreichen kurz darauf die Straße. Das war dann wohl ein Griff ins Klo, könnte man sagen.
Wir halten uns nun wieder enger an der Womoführer und streben unserem nächsten Ziel, dem Kloster Padise, einer ehemaligen Zisterzienserabtei in der Gemeinde Padise (Gemeinde Lääne-Harju) im Kreis Harju in Estland, zu.
Das Kärtchen zeigt die Klosterruine Padise und deren Umfeld (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Klosterruine und Grünanlage werden von einem Fluss, diesem malerischen Teich und einem Wassergraben eingerahmt. In einem Nebengebäude unweit des Teiches erhalten wir die Tickets.
Der Zugang erfolgt mittels QR-Code, weiteres Personal wird hier nicht mehr benötigt. Der Mangel an Manpower erklärt mindestens teilweise, warum die Digitalisierung in Estland einen solchen Sprung gemacht hat. Man kann einfach viele Dinge ins Laufen bringen und diese dann auch am Laufen halten, ohne viel Personal zu benötigen.
Auch diese Ruine ist wieder sorgfältig restauriert und mit Holzdächern einigermaßen gegen die Launen der Natur geschützt.
So kann man auch bei garstigem Regenwetter den Gebäuden immer noch etwas abgewinnen und ist nicht den ganzen Tag in seinem rollenden Heim festgenagelt.
Blick vom Dachgeschoss auf die erste Etage.
Die ehemaligen Stallungen des Klosters Padise.
Die Aussichtsterrasse der Klosterruine eröffnet einen schönen Rundumblick.
Unter anderem sieht man von hier aus die Abraumhalde des ehemaligen Steinbruchs am Rummu-See. Die Halde ist gerade einmal 3 km entfernt und der Rummu-Komplex wird auch gleich unser nächstes Zwischenziel sein.
Der Gewölbekeller der Klosterruine.
Und noch ein Gewölbe alternativer Bauart.
Am Ende der Besichtigung umrunden wir die Ruine noch einmal, weil auch die Außenansichten wirklich sehenswert sind. Für uns hat sich der Besuch gelohnt. Die lokalen Restauratoren haben wirklich eine gute Arbeit geleistet und man bekommt hier interessante Einblicke in die Baukunst längst vergangener Zeiten.
Rummu Karjäär bedeutet auf Deutsch Rummu-Steinbruch oder Tagebau Rummu. Es handelt sich um einen ehemaligen Kalksteinbruch, der inzwischen geflutet worden ist. Für die Gewinnung von Bruchsteinen wurden die Häftlinge des benachbarten Gefängnisses herangezogen. Was das in etwa bedeutet haben dürfte, kann man als Nichtinsasse nur erahnen. Den Abraum, der bei den Arbeiten zwangsläufig mit anfiel, türmte man unweit des Steinbruchs auf und erschuf auf diese Weise einen mehrere Zehnermeter hohen Hügel. Das Areal liegt unmittelbar an der Hauptstraße 17. Wenn man die befährt, kann man das Gelände also gar nicht verpassen. Die Einfahrt markieren ein ehemaliger Wachturm und die recht hohe Gefängnismauer. Schon kurz hinter der Einfahrt befindet sich rechts ein etwas verwilderter Parkplatz mit einem Schotterplanum, auf dem wir unser Wägelchen abstellen.
Das Kärtchen zeigt das ehemalige Gefängnis, den heutigen Rummu-See, die Abraumhalde aus dem Steinbruchbetrieb und die Freizeitanlage (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Wir sind uns nicht so ganz schlüssig, ob sich ein Besuch dieses Komplexes wirklich lohnt. Deshalb bleibt Angelika erst einmal im Auto, während sich Michael einen Überblick verschafft.
Die Einlassschranke befindet sich etwas zurückgesetzt an der im Bild erkennbaren Stichstraße, die von der 17 entlang der Gefängnismauer in Richtung des heutigen Freizeitgeländes führt.
Beeindruckend findet Michael die Abraumhalde und da insbesondere die Erosionsformen, die sich durch das Einwirken der Verwitterungskräfte herausgebildet haben.
Wie so oft hilft der Blick von oben, Licht ins Dunkel zu bringen. Zwar ist es ein wenig schweißtreibend, in der Nachmittagssonne durch das unwegsame Gelände auf das Dach der Abraumhalde hinaufzulaufen, aber die Sache lohnt sich am Ende.
Von hier oben sieht man, dass eine wirklich schöne Freizeitanlage entstanden ist. Und auch der See selbst lässt karibische Gefühle aufkommen. Der Durchschnittsbesucher hat allerdings keinen Schimmer, was unter der Wasseroberfläche alles so schlummert.
Als der Steinbruch außer Betrieb ging, hat man natürlich auch die Pumpen abgestellt, die den Grundwasserspiegel künstlich niedrig hielten. Der stieg daraufhin wieder bis zu seinem natürlichen Vorflutniveau an und es entstand der See, den wir heute vor uns sehen. Schwer zu sagen, ob es dabei irgendjemanden interessierte, was zu diesem Zeitpunkt alles so herumstand und mitgeflutet wurde. Man sagt zwar, die Zeit heilt alle Wunden, aber da ist Michael skeptisch.
Verändert man ein wenig die Position, dann kann man vom Top des Hügels auch auf das Gelände des ehemaligen Gefängnisses blicken. Auf dem Gelände ist ein ziemliches Durcheinander, Kraut und Rüben, wohin man blickt. Ein Besuch erscheint Michael in der aktuellen Beschaffenheit wenig attraktiv. Vermutlich gibt es auch wieder nur Erläuterungen in Estnisch, Russisch und Englisch. Das ist zwar verständlich, weil jede weitere Sprache Aufwand bedeutet, aber es werden bei den englischen Erläuterungen halt doch eine ganze Reihe von Fachtermini verwendet, die die Übersetzung am Ende unverständlich machen. Im durchdigitalisierten Baltikum werden oft auch Handylösungen angeboten. Aber gerade für ältere Besucher ist das wenig verlockend, und so schenkt sich mancher Besucher die eine oder andere Einrichtung, weil vieles unverständlich bleibt. Auch hier muss man ein wenig Geduld haben. Die Balten dürften inzwischen auch mitbekommen haben, dass ein erheblicher Teil der Besucher aus dem deutschsprachigen Raum kommt. Da macht es irgendwann schon Sinn, den Service auch für diese Zielgruppe ein wenig zu verbessern, sofern man sie denn in den öffentlichen Einrichtungen haben möchte.
Ein Teil des Freizeitbereichs von unten aufgenommen. Der Eintritt kostet 7 Euro für eine Tageskarte, das ist also, wenn man bis abends bleibt, nicht sehr teuer.
So richtig zu Ende gedacht ist das Konzept noch nicht. Das gesamte Gelände wirkt irgendwie halbfertig. Sonnenanbetern wird das in den wenigen Sommermonaten möglicherweise egal sein, aber die Ansprüche dürften auch in Estland mit zunehmendem Wohlstand wachsen, und da wird man sich hier noch einiges einfallen lassen müssen, um die Kundschaft bei Laune zu halten.
Zum Park gehört auch ein Stellplatz, der allerdings nicht besonders attraktiv ist. Bei den Preisen ist man in der ersten Liga angekommen, beim Service hinkt man hinterher. Man steht hier auf nacktem Schotter, mitten in der Sonne, unweit des erodierten Hügels. V/E ist möglich, Strom gibt es auch. Aber der Platz ist komplett leer, er findet also zumindest in der Vorsaison wenig Anklang, wie man sieht, und das hat Gründe.
Michael muss Angelika gar nicht mehr erst bemühen. Er hat genug gesehen, einen Kaffee können wir auch im Womo trinken, und die so gewonnene Zeit können wir unserem nächsten Ziel angedeihen lassen.
Und dieses nächste Ziel heißt Keila-Joa, ein Großdorf (alevik) im estnischen Kreis Harju. Es gehört zur Landgemeinde Lääne-Harju. Keila-Joa hat 378 Einwohner (Stand: 1. Januar 2004). Durch das Dorf fließt der Fluss Keila, der 1,7 Kilometer weiter nördlich in die Ostsee mündet.
Das Kärtchen zeigt die Lage des Wasserfalls und des Schlosses von Keila-Joa (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Die Zufahrt zum Parkplatz an der Straße 390 erfolgt wegen der Einbahnstraßenregelung aus östlicher Richtung. Kommt man von Westen, muss man am Parkplatz vorbeifahren und kann dann hinter dem Parkplatz in die Stichstraße einfahren.
Die Grünanlagen sind sehr gepflegt. Über zwei Fußgängerbrücken nähern wir uns dem Wasserfall und später auch dem Schloss.
Der Keila-Wasserfall ist zwischen 5,5 und 6,0 m hoch und über 50 m breit. Damit ist er nach dem Narva-Wasserfall (nicht ganzjährig sichtbar) und dem Jägala-Wasserfall der drittgrößte Wasserfall in Estland. In der Nähe befinden sich ein Park und das 1833 nach Plänen von Andrei Iwanowitsch Stackenschneider errichtete Gutshaus von Keila-Joa.
Was Michael gut gefällt, ist die große Freiheit, die man im Baltikum hat. Wie an vielen Locations zuvor, kann man auch diesen Wasserfall aus allen denkbaren Positionen fotografieren, ohne dass man gleich von einem aufgeregten Oberaufseher vom Acker gejagt wird.
Und so bekommt man dann zwar nasse Füße, aber auch vernünftige Perspektiven.
In westlichen Gesellschaften ist die Neigung, den Individuen jeden Freiraum wegzunehmen, ja weit verbreitet. Solche Überfürsorge mag Michael überhaupt nicht.
Und hier sehen wir nun das heutige Herrenhaus von Keila-Joa (estnisch Keila-Joa mõis, deutsch Schloss Fall). Es war das erste Gebäude des Historismus in Estland und wurde 1831–1833 nach Plänen des Architekten Andrei Stackenschneider aus Sankt Petersburg im neogotischen Stil gebaut. Das Herrenhaus ist von einem der schönsten Parks Estlands umgeben. Er ist 80,2 Hektar groß. In ihn ist der berühmte Keila-Wasserfall (Keila juga) eingebettet.
Unser letzter Stopp am heutigen Tag liegt unweit des Strandes der Gemeinde Vääna-Jõesuu. Hier ist der Parkplatz eigentlich kostenpflichtig, das allerdings nur bis 20:00 Uhr. Da wir jetzt schon 19:15 Uhr haben, können wir die Dreiviertelstunde nun auch noch abwarten. Um 20:00 Uhr fahren wir pünktlich auf den Parkplatz, verschließen unser Fahrzeug und laufen zum Strand. Der ist eigentlich ganz schön, aber abgestorbene Algen findet man auch an diesem Gewässer. Wir laufen ein wenig den Strand hoch und runter und gehen dann zurück zum Womo. Der Übernachtungsplatz liegt nur wenige km östlich von Keila juga. Für uns ein guter Platz, denn hier können wir kurz vor der Hauptstadt noch einmal durchschnaufen und sind Morgen schon früh in der Metropole, um eine vernünftige Bleibe zu suchen.
Das Kärtchen zeigt unseren Übernachtungsplatzes in Vääna-Jõesuu, unweit des Ostseestrandes. Ab 20:00 Uhr ist der Parkplatz kostenfrei zu nutzen (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Unser Übernachtungsparkplatz Vääna ranna parkla in der Gemeinde Vääna-Jõesuu, unweit der Ostsee.
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Ihr könnt euch aber auch erst Tallinn ansehen, und am Ende des Reiseberichts Tallinn zum Reisebericht Baltikum mit der Station Estlands Nordosten zurückkehren.