Memelschlösser

Dienstag, 06.05.2025 - von Rumšiškės zum Schloss Panemunė - 107 km

Gegen 07:00 Uhr machen wir uns auf den Weg in Richtung Autobahn und dann nach Westen in Richtung Memelland. Wir folgen dem Autobahnring um Kaunas bis zur Abfahrt in Richtung der Straße 141 und nun geht es immer dem Fluss entlang in westliche Richtung. Schon einen Kilometer nach der Abfahrt von der Autobahn sehen wir direkt an der 141 einen relativ großen Lidl und nutzen die Gelegenheit unsere Vorräte für die nächsten drei Tage aufzufüllen. Etwas später halten wir an einer Raststätte, machen uns einen Kaffee und essen die Rosinenschnecken vom Lidl.

Einen ersten kurzen Halt machen wir in Raudondvaris, etwa 10 km westlich von Kaunas, an einer Kirche. Die 141 beschreibt kurz vor der Ortseinfahrt eine 90-Grad-Kurve und kurz dahinter geht es links ab in die M. Valančiaus gatve. Bei dem abgebildeten Gebäude handelt es sich um die St. Theresia Kirche. Vor der Kirche steht ein traditionelles litauisches Holzkreuz.

Das Dorf Raudondvaris (deutsch: Rotenhof) hat etwa 4.500 Einwohner. Die Region ist auch für ihr Schloss bekannt, das wir allerdings nicht besucht haben, obwohl sich ein Abstecher dorthin durchaus lohnen würde. Es ist wie immer zu Beginn einer Reise. Wir sind zwar meist ordentlich vorbereitet, wissen aber noch nicht, ob unsere Zeitplanung wirklich passt und sind dann noch etwas zu hastig unterwegs.

Die Landstraße 141 entlang des Nemunas bzw. der Memel ist kaum befahren und wenn wirklich einmal ein Auto an uns vorbeifährt, sind es Einheimische. Wohnmobile sind hier derzeit fast überhaupt keine unterwegs. Autofahren macht richtig Spaß. Niemand hetzt uns, von Staus keine Spur, kein Touristenrummel, tagsüber schönes Wetter, wir sind rundherum zufrieden. Nur die Nächte sind doch noch ganz schön kühl, wahrscheinlich wäre ein Reisebeginn Mitte Mai da schon deutlich angenehmer gewesen. Allerdings wollen wir zu den Sommerferien ja auch wieder zu Hause sein und zehn Wochen Reisezeit müssen irgendwie untergebracht werden. Das Mitleid mancher Leser wird sich vermutlich in Grenzen halten. Aber tröstet euch, während unserer Berufstätigkeit wäre ein solcher Trip auch für uns völlig ausgeschlossen gewesen.

Etwa 6 km vor bzw. östlich Seredžius treffen wir nördlich der 141 auf dieses schöne Anwesen, das uns einen kurzen Stopp und einige Fotos wert ist. 

Unser nächster Halt ist dann in Seredžius. Am Fuß dieses Höhenzuges, der nur wenig nördlich der Memel bzw. des Nemunas parallel zum Fluss verläuft, finden wir einen kleinen Parkplatz, auf dem wir unser Wohnmobil abstellen können. Wer diesen Anstieg scheut, für den gibt es auch eine Straße, die dort hinauf führt. Von dort oben kann man dann den ganzen Höhenzug auf ungefähr einem Niveau ablaufen. Wir müssen aber an unser Herz-Kreislauf-System denken und da führt Treppenvermeidung zu kürzerer Lebenszeit und das können und wollen wir uns nicht leisten. 

Der Höhenrücken bei Seredžius mit diversen Aussichtspunkten, die einen Blick weit ins Land südlich der Memel ermöglichen (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).

Also folgen wir der hölzernen Treppe mit den zahlreichen Stufen den grünen Höhenzug hinauf. Oben angekommen, hat man eine herrliche Aussicht auf die Memel und die angrenzende Talaue, in der jetzt zahlreiche Rapsfelder blühen. 

Und siehe da, kaum oben, gesellt sich doch tatsächlich ein zweites Wohnmobil zu unserem Brummer. Es gibt also doch noch Leute, die sich, wie wir, um diese Jahreszeit hierher verirrt haben. 

Jenseits des Flusses befindet sich die Exklave Kaliningrad. Uns fällt auf, dass auf dem Fluss nicht ein einziges Boot unterwegs ist. Das liegt wohl daran, dass mit dem Nachbarn nicht gut Kirschen essen ist.

Vom Aussichtspunkt folgen wir der Straße in Richtung des kleinen Dorfes nach Osten und erreichen eher zufällig die Theresienkirche bzw. die Basilika der Heiligen Theresa. Sie  wurde 1851 von Graf Benedykt Tyszkiewicz gestiftet und nach ihrer Zerstörung im Ersten Weltkrieg von 1930 bis 1938 neu errichtet. In ihr befinden sich Altäre mit Gemälden von Michał Elwiro Andriolli und die Grabsteine der Familie Tyszkiewicz.

Wir wollen sie eigentlich nur von außen fotografieren, aber der Küster eilt aus einem benachbarten Häuschen und schließt uns die Kirche auf. Da nutzen wir die Gelegenheit, das schlichte, aber durchaus schön gestaltete Bauwerk auch von innen anzusehen. Von der Kirche geht es zurück zum Aussichtspunkt und über die vielen Treppenstufen wieder nach unten.


Ein hübsches Holzkreuz mit aufwändigen Schnitzereien steht 50 m vor der Kirche auf einem weiteren Aussichtspunkt. Die Kanzel, in stimmigen Pastelltönen gehalten, gefällt uns gut.  

Weiter geht es auf der 141 nach Westen. Etwa 20 km westlich von Seredžius erreichen wir den Ort Raudoné in dem sich ein aus Ziegelsteinen erbautes Schloss befindet. Das Schloss wird heute als Schule genutzt, deshalb können wir es nicht von innen besichtigen, aber es macht auch von außen einen prächtigen Eindruck. Schön ist nicht nur das Schloss selbst, auch die Zuwegung ist gelungen gestaltet, das ganze Umfeld ist sehr gepflegt und hinter dem Schloss schließt ein großer Park an. Wir haben unser Auto etwas ungeschickt unterhalb der Steilstufe, auf der das Schloss steht, auf einem Parkplatz am Rande der Talaue geparkt. Man kann aber auch hoch zum Schloss fahren und sein Fahrzeug dort abstellen. Wir parken erneut unten an der 141 und laufen die Treppen zum Schloss hinauf (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).

Raudonė (deutsch veraltet Raudonn) ist ein Städtchen (miestelis) am Ufer des Flusses Memel. Erwähnt wird Raudonė erstmals im 16. Jahrhundert als Gutshof des polnischen Königs Sigismund II. August.

Sigismund II. verkaufte das Anwesen gegen 1580 an den preußischen Holzhändler Hieronymus Krispin-Kirschenstein. Dieser und sein Sohn errichteten ein erstes Schloss im Renaissance-Stil. Sein heutiges Aussehen verdankt das Schloss vor allem den Umbauten unter Anleitung der Tochter des Grafen Subow, Sofia Kaissarowa, im neogotischen Stil von 1861 bis 1877.

Die weiträumige Parkanlage in Gestalt eines englischen Landschaftsparks ließ im Wesentlichen der russische Adlige Platon Subow anlegen, der das Anwesen Anfang des 19. Jahrhunderts gekauft hatte.

Aus dieser Zeit stammen auch zwei Stauseen und eine Mühle. Zahlreiche alte Bäume säumen die Wege, darunter auch eine der ältesten Eichen Litauens, die Gediminas-Eiche (seit 1997 abgestorben). Der Legende nach nahm hier der Großfürst Gediminas sein letztes Mahl ein, bevor er bei der Belagerung der vom Deutschen Orden gehaltenen Bayerburg im Dezember 1341 tödlich verwundet wurde.

Weiter geht es auf der 141 und schon nach 9 Kilometern Strecke erreichen wir das Schloss Panemunė (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0). Schloss Panemunė (manchmal auch Gelgaudai-Schloss oder Vytenis-Schloss, lit. Panemunės pilis) ist ein litauisches Schloss am Ufer der Memel. Die an das Schloss angrenzende Siedlung trägt den Namen Pilis I (zu Deutsch Schloss). 

Auch hier hätten wir wieder unten an der Memel bzw. dem Nemunas parken können, aber durch den Wald fehlt die Übersicht und zu lange wollen wir unser Fahrzeug nicht unbeaufsichtigt an der Hauptstraße stehen lassen. Also parken wir diesmal oben in Schlossnähe. 

Die Bausubstanz dieses Schlosses bildet ebenfalls ein Ziegelsteinmauerwerk. Allerdings hat man dieses mit Putz versehen und ihm so partiell eine neue Außenhaut verpasst, die sich vom üblichen Backstein allerlei abhebt. 

Die Fassade, halb mit Putz und halb ohne, verleiht dem Schloss ein wenig Vintage Charakter. 

Eigentlich könnte man es so belassen, ist doch mal was ganz anderes hier oben im hohen Norden. Tatsächlich wird derzeit an Teilen des Schlosses viel renoviert. Lassen wir uns mal überraschen, was dabei herauskommt. 

Wir umrunden das Gebäude einmal, lichten es von allen Seiten ab und wollen dann eigentlich hineingehen. Aber dann ist uns doch nicht nach dunklen Gemächern und so machen wir uns vom Acker. Die Einhausung ersparen wir euch. 

Es ist inzwischen 15:00 Uhr und wir bekommen so langsam Hunger. Also stellen wir uns unterhalb der Zufahrt zum Schloss an den Bootsanlegeplatz an der Memel "Automobilių stovėjimo aikštelė" (frei übersetzt „Auto-Abstellplatz“) und machen unser Gefährt klar für die Nacht. Die Zufahrt zum asphaltierten Stellplatz erfolgt über eine kurze Schotterpiste, die ein wenig steil in die Talaue hinunterführt. In der Stellplatz-App P4N steht deshalb, der Platz sei nur für Allradantrieb geeignet. Wenn es jemals so gewesen sein sollte, ist das aktuell jedenfalls nicht mehr der Fall. Er kann auch mit mittelgroßen Womos ohne Vierradantrieb angefahren werden. Der Platz ist klein aber komplett leer, dementsprechend haben wir freie Auswahl. Am Platz steht eine Laterne, an der auch eine Kamera befestigt ist. Ob die in Betrieb ist, konnten wir nicht feststellen. Ist sie es, sind wir wieder einmal bestens überwacht. 

Im Sommer soll tagsüber ein Imbiss vor Ort sein, dann ist dort etwas mehr Betrieb und es kann schnell eng werden. In solchen Zeiten sollte man den Bogen nicht überspannen. Der Imbiss lebt sicherlich von den Pkw, vielleicht auch vom Bootsanleger und nicht von uns Selbstversorgern. Wenn mehr als 2 Mobile dort stehen, sollte man weiter fahren, ansonsten droht, was in diesen Fällen immer droht, ein Verbotsschild für Wohnmobile. 

 

Mangels Imbisswagen legt sich Angelika gleich ins Zeug und macht aus den Lebensmitteln, die wir heute im Supermarkt gekauft haben, ein leckeres Essen. Und dann genießen wir den Nachmittag.