Tukums und Cinevilla

Tukums, Cinevilla und Anfahrt Kuldiga

Samstag, 17.05.2025 - von Tukums nach Kuldiga - 127 km

Das Kärtchen zeigt das Zentrum von Tukums (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0). 

Heute Morgen wollen wir uns den Markt in Tukums einmal ansehen. Gestern haben wir noch herum gespöttelt wegen des großen Parkplatzes. Könnte sein, dass hier morgen der Markt stattfindet und wir aus dem Bett geworfen werden.

Und tatsächlich merken wir gegen 07:00 Uhr, dass es auf dem Parkplatz auf einmal recht geschäftig zugeht. Beim Blick aus dem Fenster sehen wir aber nur parkende Autos und es sind noch etliche Lücken auf dem Platz. Nachdem es aber auch nicht ruhiger wird und immer mehr Leute um uns herum palavern, schauen wir mal aus dem Küchenfenster und siehe da. Hinter unserem Womo sind Stände aufgebaut. Angelika meint, wir müssen sofort verschwinden aber Michael bleibt gelassen. Wenn wir im Weg sind, werden wir das bestimmt bald erfahren. Solange unser ganzes Umfeld zugeparkt ist, können wir auch hier stehen bleiben.

Was uns heute, hinter 45 mm PU-Schaum, und damit sehr nahe am Puls der Balten ebenfalls richtiggehend auffällt, sind viele stark hustende Männer. Und dieser Husten klingt überhaupt nicht gut. Zigaretten sind hier anscheinend immer noch Lebensmittel. Und so wird nicht nur im Freien, sondern auch im Fahrzeug gequarzt was das Zeug hält. Michael kann sich noch gut erinnern, dass es bei uns in den 70er Jahren ganz genauso war. Da muss man nicht lange überlegen, woher der Husten kommt. Und vermutlich kommt auch noch ein hoher Alkoholkonsum dazu. Da kann man nur hoffen, dass die junge Generation diese Spirale durchbricht. 

Wenn wir unser Umfeld so ansehen, haben wir gestern ziemlich Dusel gehabt. Denn wir stehen hier wirklich am Rande eines Marktplatzes, haben uns aber unwissentlich auf dem Teil platziert, der zum Parken vorgesehen ist. Wären wir heute erst gegen 09:00 Uhr vorgefahren, wir hätten keine Chance gehabt noch irgendwo zu parken. So stehen wir nun mitten im prallen Leben und haben ganz kurze Wege zum Markt. Das ist ja mal richtig gut gelaufen. 

Mit dem immer knapper werdenden Angebot an Parkplätzen steigt der Aggressionspegel der Letten. Das haben wir so auch noch nicht erlebt. Die machen doch sonst immer einen so besonnenen Eindruck. Wir dachten eigentlich die Balten agieren genauso bedächtig wie die Schweden doch hier erleben wir mehrfach, dass die durchaus auch anders können. Selbst ältere Männer sind teils erstaunlich aggressiv und nehmen den Kampf um die Parkplätze mit auf. 

Wir wundern uns ein wenig, dass für ein paar Blumen-, Holz- und Pflanzenhändler so viele Besucher kommen. 

An den Ständen sehen wir schnell, dass wir hier in der tiefsten Provinz sind. Wir zweifeln nicht an der Qualität oder der Frische der Waren. Aber die Auslagen so zu gestalten, dass der Kunde nicht mehr nein sagen kann, das scheint nicht Teil der DNA des hiesigen Landstrichs zu sein. Die müssten mal ein paar portugiesische Marktbeschicker einfliegen, die den Laden hier auf Vordermann bringen. 

Das Schwarzbrot sieht gut aus. Das bekommt man hier oben nicht an jeder Ecke. 

Eine lange Schlange geduldig wartender Leute. Entweder gibt es hier etwas ganz Besonderes oder etwas besonders Preiswertes? Oder beides?

So richtig große Mengen an Lebensmitteln gehen nicht über die Theke. Aber Fisch verkauft sich gut, den gibt es allerdings in einer separaten Halle. 

Brennholz für alle, die den Wintervorrat zu knapp bemessen haben. Vielleicht bauen besonders vorsichtige aber auch schon Bestände für den kommenden Winter auf. Soweit wir das verstanden haben, kann man das Holz hier käuflich erwerben und bekommt es dann von einem der Kleintransporter direkt nach Hause gebracht. Ist doch eine praktische Einrichtung.

 

Von unserem Parkplatz aus hat man den Eindruck, dass es doch ein recht kleiner Markt ist. Geht man aber in die angrenzenden Gebäude und die dahinter liegenden Freiflächen, dann sieht man rasch, dass sich zwar an der Präsentation nichts verbessert, dass sich das Spektrum der angebotenen Waren aber durchaus sehen lassen kann. Da werden Fleisch- und Wurstwaren, viel Fisch, Backwaren, Obst und Gemüse aber auch Brennholz, Textilien und sogar Autoteile angeboten. Interessant ist auch zu sehen, dass sich hier textile Designkatastrophen verkaufen lassen, die bei uns kein Mensch mehr anziehen würde. Da sieht man mal,  wie unterschiedlich die Geschmäcker der Leute sind.  

Lange lassen wir uns treiben, decken uns mit lokalen Lebensmitteln ein, verbringen diese gleich in das Wohnmobil und machen uns anschließend in Richtung des angrenzenden Ortszentrums auf den Weg. 

Die Evangelisch-lutherische Kirche von Tukums an der Straße Lielā iela.

So richtig viel gibt es nicht zu sehen. Aber dieses Häuschen hat doch wirklich Charakter. 

Häufig sind es bunt angestrichene Holzhäuser, die Gefallen finden. Was wir ebenfalls sehen sind etliche Hinterhöfe, in denen Berge von Brennholz herumliegt. Holz ist ganz offensichtlich immer noch ein wichtiges Brennmaterial im Baltikum und Torf wird in der einen oder anderen Region wohl auch dazu gehören. 

Nicht sehr effektiv, weiter so zu heizen. Und da sieht man dann auch, wie weit die Schere innerhalb der EU immer noch auseinandergeht. Da muss man sich angesichts der vollmundigen Ansagen aus Brüssel schon manchmal fragen, ob sich die Parlamentarier auch einmal an der Basis umsehen.  

Hier sehen wir mal ein hübsches Gebäude in Backsteinarchitektur. 

Wir haben nicht den Eindruck, dass die Einwohner dieses Landstrichs im Reichtum ertrinken. Umso mehr reiben wir uns bei so manchem Pkw die Augen. Trotz der mutmaßlich niedrigen Einkommen sehen wir überall Fahrzeuge der Mittelklasse oder der gehobenen Mittelklasse herumfahren. Man sieht den Fahrzeugen zwar an, dass sie oft älteren Datums sind, aber auch wenige Jahre alte BMW und Mercedes sind keine Seltenheit und selbst Porsche sind gar nicht mal so selten. Wie machen die das hier?

Auffallend ist auch, dass in den Ortschaften sehr diszipliniert gefahren wird, was wohl nicht unwesentlich mit den Geschwindigkeitskontrollen zusammenhängen dürfte. Auf den Landstraßen geht es manchmal schon etwas ruppig zu, aber fahren können die Balten eigentlich alle ganz ordentlich. Probleme haben wir beim Überholen, weil auch kleine Lücken im Gegenverkehr genutzt werden und wir einige Male von überholenden Fahrzeugen geschnitten werden. 

Schnell ist unser Rundgang beendet und so richtig Aufregendes haben wir nicht gesehen. Zum guten Schluss passieren wir wieder einmal eine dieser vielen hübschen kleinen Kirchen.  

Nun geht es zielgerichtet zum Parkplatz zurück. Wir machen unser Wägelchen startklar und fahren zu unserem nächsten Zwischenziel, dem sogenannten Cinevilla.

Cinevilla Studio oder Cinevilla helovīnu parks

Am frühen Nachmittag fahren wir noch in die Filmstadt Cinevilla. Bis dorthin sind es gerade einmal 16 km Strecke, also 15 Minuten Fahrt, dann biegen wir auf einen naturbelassenen Parkplatz ein, auf dem jeder und jede parkt, wie es ihm oder ihr gerade gefällt. Der Besucherparkplatz ist ziemlich voll und wir denken schon, hier muss aber ein Andrang herrschen. Wir merken dann aber schnell, dass die allermeisten Fahrzeuge zu einer oder mehreren Filmcrews gehören und die Fahrzeuge mit Besuchern gar nichts zu tun haben. 

Das Cinevilla Studio südwestlich von Tukums. Die Kulissen links der Straße sind bei unserem Besuch größtenteils nicht zugänglich (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0). 

Dass die Filmstadt nicht allzu groß sein kann, haben wir schon den Luftbildern entnehmen können. Der Eintritt kostet aktuell 5 € pro Person. Weil zur Zeit Filmaufnahmen stattfinden und ein Teil der Kulissen gar nicht besichtigt werden kann, zahlen wir heute nur 3 €. Das klingt erst einmal gut, aber wenn von wenig Kulissen auch noch ein nicht unerheblicher Teil nicht zu sehen ist, dann bleibt am Ende kaum noch etwas übrig.

Eine eigentlich schöne alte Dampflok steht hier herum. Leider ist sie in recht schlechter Verfassung und bietet deshalb keinen erfreulichen Anblick. Aber vielleicht ist genau das für die Filmaufnahmen erwünscht.

Ganz ähnlich sieht es beim übrigen rollenden Material aus. Die harten Winter und die langanhaltende Nässe setzten dem Material arg zu und für die kostenintensive Pflege ist offenbar kein Geld da. 

Den Gebäuden schadet ein wenig Vintage nicht unbedingt. 

Gerade bei Historienfilmen, dürfen die Fassaden auch nicht zu gutaussehend daherkommen. 

Die Kirche macht einen ganz ordentlichen Eindruck.

Befestigungsanlagen aus einer längst vergangenen Zeit.

Und auch die Filmkarossen haben die guten Zeiten hinter sich. Kaum zu glauben, dass man mit diesen Vehikeln noch vernünftig arbeiten kann.

Nach unserem Kenntnisstand wurde Cinevilla primär für lokale historische Produktionen wie „Rīgas sargi“ (Verteidiger von Riga) und „Nameja gredzens“ (Ring von Namejs) errichtet. Namhafte westliche Kinofilme, die hier gedreht worden wären, sind uns nicht bekannt. Insofern gibt es für westliche Touristen keinen Wiedererkennungswert.

Nicht nur deshalb finden wir, dass sich der Besuch dieses Filmdorfes unter den aktuellen Gegebenheiten nicht lohnt. Hätten wir das gewusst, wären wir nicht hier hergefahren. Einen großen Umweg haben wir allerdings nicht machen müssen und die Kosten sind ja auch überschaubar. Wer sich für Filmstädte begeistern kann und einen besseren Bezug zum lettischen Film hat, der kann sich den Ort ruhig einmal ansehen. Für uns heißt es jetzt aber: Mund abputzen und weiterfahren zu unserem heutigen Tagesziel Kuldiga.