Donnerstag, 12.06.2025 - vom Kloster bei Kuremäe nach Nina - 131 km
Das Kärtchen zeigt die Lage des Schlosses in Alatskivi und unseren Übernachtungsplatz unweit der Ostsee in der Gemeinde Nina (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Wir haben prima geschlafen auf dem Parkplatz des Klosters. Gerne hätten wir uns das Kloster auch noch einmal bei Sonnenschein und blauem Himmel angesehen, aber es regnet schon den ganzen Morgen mit wenigen Unterbrechungen. Deshalb fahren wir gleich nach dem Frühstück weiter.
Unser erstes Ziel heute ist Kauksi am Peipussee (Peipsi järv). Der Peipussee ist der größte See im Baltikum und der fünftgrößte in Europa. Er hat zusammen mit dem Pleskauer See eine Fläche von 3.555 km² und ist damit knapp 7 mal so groß wie der Bodensee (536 km²). Der See ist immerhin fast 140 km lang und misst an der breitesten Stelle 50 km. In Kauksi, am nördlichen Ufer des Sees, befindet sich das Besucherzentrum des Alutaguse National Parks. Der Park wurde erst vor wenigen Jahren eingerichtet. Wir besorgen uns Karten und Informationsmaterial und wollen dann eigentlich eine kleine Wanderung am See entlang machen. Doch alle Parkplätze sind kostenpflichtig und nur per Parker-App zu bezahlen. Da die App bei uns nicht wirklich läuft und Münzautomaten fehlen, können wir auch nicht parken. Wir sehen uns kurz einen wirklich schönen Strandabschnitt an, haben aber keine Lust auf einen weiteren Strafzettel und ziehen danach recht bald unverrichteter Dinge wieder ab. Ausgehend von Kauksi wenden wir uns der Straße Järveääre tee bzw. der 111 folgend nach Osten in Richtung russische Grenze.
Am Rand der Straße finden wir dann doch noch einige RMK-Picknickplätze und stellen unser Fahrzeug dort ab. Obwohl es überall nass ist und das Holz schlecht brennt und ordentlich qualmt, schmeißen wir einen Grill an und wollen uns die Spareribs, die wir gestern gekauft haben, grillen. Leider zerlegt Angelika die Teile in sehr kleine Stücke und durch das nasse Holz ist die Wärmezufuhr schwer zu kontrollieren. So werden die Sparerips ein wenig arg dunkel. Man kann sie gerade noch essen, aber mit Genuss hat das nicht mehr so richtig viel zu tun. Sieht wieder einmal nach einem gebrauchten Tag aus. Davon hatten wir allerdings nur ganz wenige, also machen wir das Beste daraus.
Auf unserem weiteren Weg nach Süden führt uns die Straße 111 am südwestlichen Ortsausgang von Alajõe an der Jumalaemasünni Kirik (Kirche der Geburt der Muttergottes) vorbei. Ein hübsches orthodoxes Kirchenhaus, an dem Michael nicht einfach vorbeifahren kann.
Wie Michael später noch herausfindet, wurde die Kirche 1889 im historistischen Stil mit roten Ziegeln erbaut. Ein markanter Glockenturm schmückt den Sakralbau.
Nun geht es in die Dörfer der Altgläubigen, die sich am Westufer des Peipussees (Peipsi järv) angesiedelt haben. Einen ersten Stopp haben wir in Mustvee. Vielleicht sind wir ein wenig zu naiv, jedenfalls haben wir uns die Dörfer etwas romantischer vorgestellt, aber so sehr unterscheiden sich die Ortschaften gar nicht von dem, was wir andernorts im Osten Estlands gesehen haben.
Wikipedia entnehmen wir, dass die Altgläubigen am Peipussee (estnisch: Peipsi) eine kulturell tief verwurzelte Gemeinschaft bilden, die ihre Traditionen über 300 Jahre lang bewahrt hat. Sie sind Nachfahren russisch-orthodoxer Christen, die im 17. Jahrhundert nach religiösen Reformen in Russland flohen und sich am Westufer des Peipussees ansiedelten.
Nach den Reformen von Patriarch Nikon im Jahr 1652, die Änderungen in Riten und Texten der russisch-orthodoxen Kirche beinhalteten, wurden die Anhänger des alten Glaubens verfolgt. Viele flohen in das damals schwedisch regierte Estland.
Die Dörfer der Altgläubigen ziehen sich entlang des Westufers des Sees (z.B. Kolkja, Kasepää, Varnja, Kallaste und Kolkja). Diese Gegend ist auch als „Zwiebelweg“ oder „Zwiebelroute“ bekannt, da der Anbau von Zwiebeln eine zentrale Lebensgrundlage darstellt. Die Zwiebeln, insbesondere eine spezifische, lokale Sorte, werden in traditionellen Zöpfen verkauft. Die Küche ist traditionell, bekannt für Zwiebelkuchen, Fischspezialitäten (oft in der Straße getrocknet/geräuchert) und den Verzehr von Zichorien-Tee.
Die Altgläubigen praktizieren ihren Glauben in schlichten Gebetshäusern (oft ohne Kuppeln) und bewahren alte Bräuche, wie das Bekreuzigen mit zwei Fingern. Das Leben ist stark durch den See geprägt, einschließlich traditioneller Fischereimethoden (Eisfischen). Die Gemeinschaft ist bekannt für ihre Handwerkskunst, wie den Bau von Zwiebelkirchen und Holzhäusern.
Obwohl die Gemeinschaft durch die Sowjetzeit und Modernisierung Einflüsse erfahren hat, pflegen viele Bewohner, besonders die ältere Generation, die Traditionen weiter. Der Tourismus ist ein wachsender Faktor, wobei Besucher die Dörfer, Museen (z.B. in Kolkja) und die Zwiebelfarmen besichtigen.
Unser nächster Stopp ist Mustvee am Mustveefluss. Hier sehen wir uns den Strand und dieses schöne Gotteshaus, die Mustvee Kolmainsuse Ainuusu kirik, an. Uns erstaunt, dass wir so wenige Leute in den Straßen sehen. Das Wetter ist sicherlich nicht einladend und viele werden auch irgendwo arbeiten, aber wo? Fabriken haben wir keine gesehen.
Für den Tourismus ist es noch zu früh. Was machen die Leute nur den ganzen Tag? Lange halten wir uns in Mustvee nicht auf. Auf die Schnelle finden wir weder einen Markt noch ein Zentrum mit Einkaufsmöglichkeiten.
Dafür finden wir in Mustvee die orthodoxe Nikolaikirche. Sie wurde zwischen 1861 und 1864 erbaut. Die Kirche ist dem Heiligen Nikolaus geweiht.
Nun fahren wir weiter nach Kallaste, das wir nach einer halben Stunde erreichen. Im Nachhinein können wir uns nicht einmal mehr erinnern, wo genau wir dort eigentlich unser Auto abgestellt haben. Natürlich wollen wir uns die roten Felsen am Strand ansehen. Durch die Võidu tänav laufen wir zielstrebig auf die im Süden der Gemeinde befindlichen Felsen zu. Dabei kommen wir auch wieder an einigen in traditioneller Bauweise errichteten Holzhäusern vorbei.
Leider versäumen wir es, einen Schirm mitzunehmen, und natürlich fängt es unterwegs an zu regnen. Es kommt nicht viel herunter, aber wir wissen nicht, wie es weitergeht, und möchten ungern mit einer Erkältung die Reise fortsetzen. Also lassen wir die Felsen links liegen und sehen zu, dass wir schnellstmöglich unser Womo erreichen. Irgendwie ist heute der Wurm drin. Was wir auch anfangen, wenig ist von Erfolg gekrönt.
Strecke haben wir heute genug gemacht, nun sollten wir vor allem schauen, wo wir die Nacht verbringen können. Bei der Suche nach einem Parkplatz werden wir in Alatskivi fündig. Wir lassen uns vor einem Schlösschen nieder, das wir aus dem Netz und dem Womoführer kennen, und wollen uns das Bauwerk einmal ansehen. Leider ist es inzwischen schon wieder 17:30 Uhr und um jetzt noch hineinzugehen, müssten wir uns sputen. Aber dazu haben wir heute ganz gewiss keine Lust mehr.
Das Gutshaus von Alatskivi wurde erstmals 1601 erwähnt. 1628 schenkte der schwedische König Gustav II. Adolf das Anwesen seinem Sekretär Johan Adler Salvius. Nach dem Vorbild von Schloss Balmoral in Schottland entstand zwischen 1880 und 1885 das Schloss von Alatskivi im neugotischen Stil. Auftraggeber war der Deutsch-Balte Arved von Nolcken. Ende des 18. Jahrhunderts existierte bereits der 120 Hektar große Park. Wenn wir schon vor dem Schloss stehen, sehen wir uns das Haus zumindest einmal von außen an. Denn es ist ein wirklich schönes Gebäude.
Nach der Besichtigung überlegen wir, wo wir denn nun übernachten könnten. Da sehen wir, dass sich im Nachbarort Nina ein schöner Parkplatz (Tartu maakond) direkt am See befindet. Also fahren wir mal schnell hinüber und sehen uns den Platz an. Und siehe da, der passt wie die Faust aufs Auge. Was uns an diesem Platz besonders gefällt, ist der starke Wind, der uns vom See her entgegenbläst, denn die Moskitos, die uns die letzten Tage ordentlich geärgert haben, haben hier keine Chance, und wir können so wieder einmal richtig durchatmen.
Am Abend klart endlich auch der Himmel auf und wir sehen wieder einmal so etwas Ähnliches wie Himmelsblau.
So richtig gemütlich wird es aber dennoch nicht. Die Wege sind verschlammt, die Wiesen klatschnass, da macht es auch bei blauem Himmel wenig Spaß, draußen herumzulaufen.
Bei sommerlichen Temperaturen in der Ferienzeit ist dieser Platz eher nichts für Wohnmobile, denn der Sommer ist kurz und da muss die lokale Bevölkerung die Sonne für das ganze Jahr tanken, da würden wir sicherlich stören, insbesondere an den Wochenenden.
Wir entschließen uns trotzdem noch zu einem kleinen Spaziergang zur örtlichen Kirche und dem dahinter befindlichen kleinen Turm.
Bis dorthin benötigen wir etwa 15 Minuten. Wir sind hier irgendwie am Ende der Welt, man sollte auf diesem Weg also nichts Außergewöhnliches erwarten.
Hier liegt wirklich der Hund begraben. Wir sehen nicht einen einzigen Menschen auf der Straße. Das höchste Gut ist hier die Ruhe, die über der ganzen Gegend liegt.
Wegen des zwar leichten, aber andauernden Regens war das heute ein gebrauchter Tag. Nichts hat wirklich gut geklappt, und mit der Kamera war man ständig auf der Flucht vor dem nächsten Schauer. Wir brauchen dringend wieder einmal Sonne und das den ganzen Tag. Die Zwiebelroute ist vielleicht ein lohnenderes Ziel für den Sommer, wenn die Zwiebeln reif sind und zum Verkauf stehen und vielleicht auch die eine oder andere Delikatesse daraus zubereitet wird. In der Vorsaison finden wir es nicht so prickelnd.