Im Memeldelta

Donnerstag, 08.05.2025 - von Šilutė (Heydekrug im Memeldelta) nach Dreverna - 84 km

Das Memeldelta (lit. Nemuno delta) ist das Mündungsgebiet der Memel an der Ostseite des Kurischen Haffs und bildet einen Teil der sogenannten Tilsiter Niederung. Es befindet sich in Litauen. Sein südlichster Mündungsarm, die Skirvytė markiert die Grenze zur russischen Oblast Kaliningrad. 

 

Bereits 50 km vor deren Mündung in das Haff teilt sich die Memel bei Tilsit in die beiden Hauptmündungsarme Gilgestrom und Ruß-Strom. Der rechte, nördliche Hauptarm Ruß verzweigt sich dann ca. 16 km vor seiner Mündung beim Ort Rusnė (dt. Ruß) in ein ausgeprägtes Delta. 

 

Die Atmata stellt den Hauptstrom des Deltas dar; durch sie verläuft der Schiffsverkehr vom Haff zur Memel und die offizielle Kilometrierung. In die Atmata münden die Šyša und die Minija, auf denen ebenfalls Schifffahrt stattfindet. Das kleinere Delta der Minija geht heute vollständig im Memeldelta auf.

Den heutigen Tag verbringen wir überwiegend im Memeldelda. 

Von Šilutė aus geht es über die Straße 206 in Richtung Rusné und von dort weiter auf der 4204 über Pakalnè in Richtung Uostadtvaris. 

Hinter dem Örtchen  Pakalnè geht der Asphalt wieder in Schotterpiste mit vielen Waschbrettabschnitten über und wir werden ordentlich durchgeschüttelt.

Die Ortschaften beeindrucken uns nicht besonders, aber der weite Blick über die flache Deltalandschaft ist wirklich schön. Alle paar Kilometer sehen wir ein Storchennest. Leider sind auch hier die Jungstörche noch nicht geschlüpft und die Storcheneltern haben alle Hände voll damit zu tun, die Eier bei der Hundskälte ausreichend warm zu halten. Man kann nur hoffen, dass es bald wärmer wird, sonst wird die Zahl der Jungstörche in diesem Jahr nicht besonders hoch sein.

Dann passieren wir eine von Birken flankierte Allee, die sich quer durch das weite Gras- und Ackerland zieht.   

Immer wieder geht es auch an schilfgesäumten Wassergräben vorbei, an deren Rändern Reiher auf glitschige Beute lauern.

Schließlich erreichen wir den kleinen Hafen von Uostadtvaris. Draußen bläst ein immer noch recht kalter Wind. Wir haben uns dick eingemummelt, denn uns fröstelt es ganz schön. Trotzdem müssen wir auch einmal raus, um Fotos zu machen und uns verschiedene Dinge anzusehen. 

Auch von diesem kleinen Hafen geht im Sommer eine Personenfähre hinüber auf die kurische Nehrung, aber die Fährleute haben alle noch nicht den Dienst aufgenommen, es sind jetzt einfach noch zu wenige Besucher, als dass sich das Fährgeschäft lohnen würde. Und so sind die Betreiber dabei, letzte Hand an die Boote zu legen, um sie für den kommenden Sommer aufzuhübschen und technisch auf Vordermann zu bringen, damit in der bald einsetzenden Saison auch wirklich alles wie am Schnürchen läuft.  

Von Uostadtvaris aus müssen wir nun ganz zurück bis nach Šilutė. Den Rückweg nehmen wir aber über die Straße 4204 am Atmatafluss entlang, weil uns auf dieser Teilstrecke die Schotterpiste erspart bleibt. Auch wenn die Straße schmal ist, fährt es sich hier allemal besser als auf Schotter. 

Šilutė (Heydekrug) streifen wir nur ganz kurz und schon geht es wieder in nordwestliche Richtung aus der Stadt heraus in Richtung Rügaliai, Stankiskiai und Vente.

Links und rechts der Straße stehen herrlich grüne Mischwälder. Und auch hier dominieren Birken. Dahinter blitzt im Vorbeifahren eine große braune Fläche auf, die Michael interessant findet. 

Die Wege sind nicht gerade gesegnet mit Parkmöglichkeiten, aber die Fläche ist wirklich riesig, und irgendwann finden wir dann doch ein Plätzchen, und Michael kann sich durch ein Wäldchen bis an die Fläche heranarbeiten. 

Schon auf dem Weg fällt auf, dass der Boden federleicht erscheint und man wie auf einem sehr dicken Teppich läuft. Es ist eine riesige Torffläche, die hier durch zahlreiche Entwässerungsgräben trockengelegt worden ist und nun nach und nach abgebaut wird. Umwelttechnisch eher eine Katastrophe. Für Michael trotzdem recht interessant anzuschauen, weil man so einen Torfabbau ja nicht alle Tage sieht. Man kann nur hoffen, dass auch hier in nicht allzu ferner Zukunft die alternativen Energien den Torfabbau zum Erliegen bringen.

Schließlich öffnet sich die Landschaft wieder. Die Wäldchen lassen wir hinter uns und fahren durch lichte Alleen auf Vente zu.

Kurz vor dem Ort wimmelt es in der Luft von irgendwelchen feinen Teilchen. Zuerst denken wir an Pollen oder Samen, die von unbekannten Bäumen in die Luft abgelassen werden. Doch dann sehen wir, dass die feinen Teilchen einen Eigenantrieb haben, und realisieren, dass es sich um Insekten handelt. Wenn das Moskitos sind, brauchen wir in Vente gar nicht erst auszusteigen! 

In Vente fahren wir auf einen Parkplatz und auch dort treffen wir auf das gleiche Bild. Tausende kleiner Fliegen überall. Wir bleiben erst einmal im Auto und überlegen, was wir tun sollen. Dann entlässt ein Bus eine Schulklasse ins Freie, und zu unserer großen Überraschung laufen die über den Parkplatz, als seien die Insekten gar nicht da. Also stechen können die schon mal nicht. Nun steigen auch wir aus und laufen vor zur ornithologischen Station.

Hier befinden wir uns nun an der Vogelwarte des Windenburger Ecks (litauisch Ventės ragas). Das Windenburger Eck ist eine Landzunge des Memeldeltas, die in das Kurische Haff hineinragt. An ihrer Spitze steht seit 1863 ein 11 m hoher Leuchtturm, der jedoch nicht mehr in Betrieb ist. Im Jahr 1929 wurde durch den Ornithologen Tadas Ivanauskas (1882–1970) am Windenburger Eck eine Vogelwarte errichtet. Dort befindet sich heute auch ein Museum. Hier werden hauptsächlich präparierte Vögel gezeigt, außerdem wird über die Geschichte der Vogelberingung im Baltikum informiert. Das Windenburger Eck ist ein Handlungsort der Erzählung "Die Reise nach Tilsit" (Hermann Sudermann) von 1917, und deren späteren Verfilmungen (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).

An der Vogelwarte haben wir Pech, denn die eben noch auf dem Parkplatz befindliche Schulklasse wird gleich von einem Mitarbeiter der Vogelwarte in Empfang genommen und die Rasselbande fordert die gesamte Aufmerksamkeit des Vogelwartes, da bleiben wir auf der Strecke. Wir trösten uns damit, dass es viel wichtiger ist, die jungen Leute für die Arbeit der Vogelwarte zu begeistern, denn die stehen für die Zukunft.

 

Die Vogelwarte fängt hier jedes Jahr mit den recht großen grünen Netzen im Bildhintergrund eine riesige Anzahl an Zugvögeln, beringt diese, wertet, zusammen mit anderen europäischen Institutionen, Daten zum Vogelzug wissenschaftlich aus und entlässt die Vögel nach Wägung, Vermessung und Beringung wieder in die Freiheit. Um die Eindrücklichkeit für die noch jungen Besucher zu erhöhen, werden einzelne Vögel vorsichtig an die Schüler übergeben, und die dürfen ihnen dann unter der sachkundigen Aufsicht des Vogelwartes die Freiheit zurückgeben. Das kommt natürlich gut an.

 

Wir schauen eine ganze Weile diesem Treiben zu und hoffen, dass der Wissensdurst der Schüler bald gestillt ist. Doch die Veranstaltung zieht sich ordentlich in die Länge und die lausige Kälte und ein garstiger Wind lassen uns dann doch von unserem Unterfangen Abstand nehmen. Also brechen wir alsbald in Richtung unseres Wohnmobils auf, um uns bei einer wärmenden Tasse Kaffee die Kälte aus den Gliedern zu treiben.

 

Normalerweise würde Michael jetzt sagen, man sieht sich immer zweimal im Leben. Aber das Baltikum ist doch ein wenig abgelegen und es gibt in Europa noch so viel zu sehen, dass er diesmal nicht so ganz sicher ist. 

Das Kärtchen zeigt die von uns gefahrene Schotterpiste entlang des Kurischen Haffs in Richtung Dreverna (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).

Nun geht es am Kurischen Haff entlang nach Norden in das Örtchen Dreverna, wo wir auf einem Stellplatz im Grünen übernachten werden. Nördlich des Weilers Povila verlassen wir die Asphaltpiste und geraten wieder auf Schotter. Es ist der kürzeste Weg zu unserem Tagesziel, aber den bezahlen wir wieder einmal mit reichlich Waschbrettabschnitten. Dieser Streckenabschnitt ist in Teilen alles andere als angenehm zu befahren. Nehmt lieber die weitere Strecke über die Asphaltpiste. 

Kurz vor Dreverna sehen wir, dass am Rande des Haffs ordentlich gebaut wird. Überall werden neue Ferienhaussiedlungen hochgezogen und die Ruhe und Beschaulichkeit, die jetzt noch herrscht, wird bald vorbei sein.  

In Dreverna gibt es zwei Campingplätze und einen Stellplatz. Wir entscheiden uns, wie so oft,  für den Stellplatz. Da können wir kommen und gehen, wie es uns passt. Auf einem großen Parkplatz stellen wir erst einmal unser Womo ab und melden uns an. Plätze sind um diese Jahreszeit mehr als genügend vorhanden. 

Der Stellplatz bietet fast alle Leistungen eines Campingplatzes, kostet allerdings auch in der Nebensaison schon stolze 26 Euro. Man steht zwischen zwei Gewässern auf einer annähernd ebenen Grünfläche und direkt an den Anlegeplätzen der kleinen Binnenjachten.   

Gegenüber der Stellflächen stehen diese Hüttchen, die wir recht gelungen finden, weil sie gut in die Natur eingepasst sind. Radler oder Pkw-Fahrer können hier also ebenfalls gut unterkommen.

Auch ein Wikingerboot liegt hier vor Anker. 

Personenfähren bringen Besucher nach Juodkrantè auf die Kurische Nehrung. Das liegt allerdings noch 5 km nördlich der Dünen und 20 km nördlich von Nida. Wer Nida sehen möchte, der sollte die Fähren bei Rusnè oder in Ventè nutzen oder nachfragen, ob es in Juodkrantè einen Fahrradverleih gibt. An einem sonnigen Tag, ist ein Ausflug hinüber auf die Nehrung so oder so bestimmt eine schöne Abwechslung. Leider ist die Fähre noch nicht in Betrieb, wir sind also auch hier etwas zu früh im Jahr unterwegs.

Vor einigen Jahren hat man direkt neben dem Stellplatz diesen kleinen Aussichtsturm errichtet. Von dessen Plattform hat man eine wunderbare Aussicht auf das Haff und die Kurische Nehrung.

Blick vom Aussichtsturm auf den Stellplatz. Man kann hier übrigens auch mit kleinen Segelbooten segeln lernen, surfen oder kiten oder mit dem SUP ins Boddengewässer hinausfahren. Wie man sieht, gibt es hier vielfältige Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Deshalb wird es einem hier nicht so schnell langweilig, auch ohne die Annehmlichkeiten einer Stadt. 

Blick vom Aussichtsturm auf die Dünen der Kurischen Nehrung auf der gegenüberliegenden Seite des Haffs. 

Auch wenn die Sonne von einem blauen, fast wolkenlosen Himmel scheint, laufen doch alle dick eingemummelt draußen herum. Durch den beständig wehenden, kalten Wind, ist es direkt am Haff gefühlt noch etwas kälter, als es die Temperaturen aussagen. Und in der kommenden Nacht stellen wir uns auf die kälteste aller Nächte ein. Eine Woche noch soll das so weitergehen, dann sind wir wohl durch.

Der Sanitärbereich befindet sich leider nicht direkt am Stellplatz, sondern ist in Containern am Rande eines Parkplatzes untergebracht. Bis dorthin sind es knapp 300 Meter Fußweg. Das wirkt alles ein wenig improvisiert. Die Toiletten sind in Ordnung, aber doch schon etwas in die Jahre gekommen, und auch die Duschen bestenfalls zweckmäßig.

Geschirr spülen kann man hier auch, aber auch da ist die lange Wegstrecke etwas mühsam. 

Immerhin sind der Trinkwasseranschluss (links) und die Grau- und Schwarzwasserentsorgung (rechts) direkt am Stellplatz. Das Trinkwasser macht hier übrigens einen guten Eindruck, was durchaus nicht überall in Litauen der Fall ist. Und wir haben Landstrom. Da können wir den Kühlschrank einmal so richtig herunterkühlen. 

Das Kärtchen zeigt den Stellplatz in Dreverna (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).

Südlich des Stellplatzes schließt ein Naturschutzgebiet an, da kann man sich wunderbar die Beine vertreten.

Zum guten Schluss bekommen wir noch einen wunderschönen Sonnenuntergang. So haben wir es gern. Trotz kleiner Mängel kann man diese Location absolut empfehlen.