Mittwoch, 11.06.2025 - vom Mereoja Camping über Narva zum Kloster Kuremäe - 158 km
Nachdem wir unsere schlaffen Körper wieder von der Ostsee zum Wasserfall Valaste juga hinaufgeschafft haben, machen wir oben auf dem Parkplatz noch eine kurze Pause und fahren dann durch bis Narva. Unser Weg führt zunächst zum Parkplatz am Grenzübergang nach Russland. Hier möchten die Raubritter vier Euro pro Stunde kassieren. Scheint ja ein sehr begehrter Platz zu sein, verbrennen möchten wir unsere schwer verdienten Euro aber nicht. Deshalb suchen wir nach Alternativen und werden unterhalb der Hermannsfeste von Narva auf einem mittelgroßen Parkplatz fündig. Wir brauchen mehrere Versuche, bis wir das Schlupfloch nach unten gefunden haben, dann ist es geschafft.
Denkt entlang der russischen Grenze immer daran, euer Handy abzuschalten. Wenn es sich ins russische Netz einloggt, kann das recht teuer werden.
Narva (deutsch Narwa) ist die drittgrößte und zugleich die östlichste Stadt der Republik Estland, eine wichtige Industriestadt und das Zentrum der russischsprachigen Minderheit Estlands, zu der etwa 95 % der Einwohner Narvas gehören. Sie liegt an der Grenze zu Russland am Fluss Narva, der hier den Grenzfluss bildet und nördlich der Stadt in den Finnischen Meerbusen der Ostsee mündet. Zusammen mit Iwangorod auf der russischen Seite bildet Narva eine Zwillingsstadt. Narva wurde im Zweiten Weltkrieg zwischen 1941 und 1944 nahezu vollständig zerstört. Die historischen Bauten wurden in der Regel nicht wieder aufgebaut. Das Stadtbild wird heute von monotonen Wohnblöcken mit großteils unverputzten Ziegelfassaden geprägt, die in sowjetischer Zeit gebaut wurden.
Das Kärtchen zeigt die Stadt Narva, am Narvafluss und unmittelbar an der russischen Grenze gelegen (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Hier sehen wir den Parkplatz unterhalb der Festung, der sich in direkter Nachbarschaft einer Sportanlage befindet.
Über diesen Fußweg gelangen wir an den Treppenturm an der Festungsmauer und am oberen Ende des Treppenturms direkt auf die Hermannsfeste (Hermanni linnus). Solange man in den Außenanlagen der Hermannsfeste bleibt, ist der Besuch kostenlos.
Von dem großzügig dimensionierten Festungshof hat man einen schönen Blick auf den Fluss Narva, der Estland von Russland trennt, und auf die Festung in Iwangorod auf der russischen Seite. Der Fluss sieht allerdings ziemlich verschmutzt aus.
Und hier die Aussicht hinunter zum Parkplatz und den Sportanlagen. Man hat sein Auto die meiste Zeit im Blick.
Die Festung ist wirklich schön restauriert und der Weg hier hoch lohnt sich, denn auch die Außenanlagen der Hermannsfeste sind absolut sehenswert.
Eine Treppe führt hinauf auf einen Teil der Festungsmauer.
Blick in Richtung des überdachten Teils der Festungsmauer. Die großzügige Überdachung ermöglicht es auch an Tagen mit wechselhaftem Wetter aus sicherer Warte die Festung und deren Umfeld in aller Ruhe anzuschauen.
Die Aufnahme zeigt die nach schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs restaurierte Hermannsfeste (Hermanni linnus). Im Turm der Festung ist die geschichtliche Ausstellung des Narva Museums untergebracht.
Vom niederschlagsgeschützten Rundturm an der südwestlichen Ecke des Festungsareals, blicken wir entlang des Wehrgangs nach Norden in Richtung der überdachten Festungsmauer.
Die für die Erneuerung der Festungsmauer verwendeten Gesteine enthalten zahlreiche Fossilien aus dem Erdaltertum (Paläozoikum).
Die Orthoceratidae sind eine ausgestorbene Familie von nautiloiden Kopffüßern, die in Nordamerika, Europa, Asien, Afrika und Australien vom Ordovizium bis zur Trias vertreten waren. Sie lebten in etwa vor 490 bis 200 Millionen Jahren.
Nachdem wir uns die Festung angesehen haben, begeben wir uns hinunter an die Narva und laufen ein Stück am Fluss entlang.
Blick vom Flussufer in Richtung Hermannsfeste (Hermanni linnus). Südlich der Festung geht es nun wieder den Berg hinauf und wir erreichen die evangelisch-lutherische Alexanderkirche.
Die Kirche wurde 1944 zerstört und in der Nachkriegszeit wiederaufgebaut, der Glockenturm 2007/2008 rekonstruiert. Unweit der Alexanderkirche sehen wir uns dann auch noch die Auferstehungskathedrale an.
Das Eingangsportal zur russisch-orthodoxen Auferstehungskathedrale von Narva.
Die russisch-orthodoxe Auferstehungskathedrale in der Bastrakovi 4, 20308 Narva wurde von 1890 bis 1898 im neobyzantinischen Stil errichtet. Schöner Stil, gefällt Michael.
Nebeneingang der Auferstehungskathedrale mit Himmelsgewölbe. Von hier aus geht es nun wieder hinunter zum Wohnmobil. Gerne würden wir uns jetzt auch noch das Rathaus ansehen. Aber wir sind bei der Suche ein wenig unkonzentriert, finden es deshalb nicht gleich und verlieren die Lust am Herumkurven. Zu unserer Überraschung gibt es in der Stadt Narva auch einen Lidl und weil wir bei den Einkäufen in einheimischen Supermärkten in letzter Zeit doch ein wenig eingebrochen sind, nehmen wir die Gelegenheit wahr, uns mit frischem Proviant für die nächsten Tage einzudecken.
Das Kärtchen zeigt die Lage der Stadt Narva sowie der Ölschieferseen im Südosten der Stadt (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Michael würde sich zu gerne nun auch noch die blauen Seen südlich von Narva ansehen. Dort werden Ölschiefer abgebaut. Das Öl wird dann aus dem Ölschiefer primär durch Pyrolyse gewonnen, ein Verfahren, bei dem das Gestein unter Luftabschluss stark erhitzt wird, um das enthaltene Kerogen (feste organische Substanz) in flüssiges Rohöl umzuwandeln. Leider sind die Seen gut hinter Erdwällen und dichtem Grün versteckt. Um da heranzukommen, müsste man schon gute Ortskenntnisse haben. Vielleicht riegelt man das Gelände auch deshalb so gut ab, weil der Prozess der Ölgewinnung umwelttechnisch nicht ganz unproblematisch ist und man die schlechte Presse fürchtet. Der Ölschieferabbau führt schließlich zu schwerwiegenden, oft irreparablen Eingriffen in die Umwelt, was ihn aus Klima- und Umweltschutzsicht stark kontrovers macht. Für uns ist hier jedenfalls heute kein Blumentopf zu gewinnen, also machen wir uns vom Acker.
Wir suchen nun schleunigst wieder den Weg nach Südwesten, denn wir wollen heute Abend noch das Kloster in Kuremäe ansehen, zumindest aber auf dem dortigen Parkplatz übernachten.
Der Klosterparkplatz ist recht groß. Das deutet darauf hin, dass an Feiertagen und in der sommerlichen Hauptsaison mit reichlich Besuchern zu rechnen ist. Der Parkplatz ist übrigens kostenlos. Er ist auch mit einem Toilettenhäuschen ausgestattet. Allerdings war dieses sowohl am Abend als auch am folgenden Morgen bis 10:00 Uhr abgeschlossen. Wir wissen also nicht, ob und wann das zur Verfügung steht.
Als wir auf dem Klosterparkplatz eintreffen, ist es bereits 17:30 Uhr und wir haben wieder einmal das Problem, dass die Location bald schließt. Also machen wir gleich unser verspätetes Mittagessen und raffen uns dann noch einmal zu einem Rundgang auf.
Das Kärtchen zeigt die Lage des Nonnenklosters von Pühtitsa bei Kuremäe (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Der Parkplatz liegt ca. 650 m nordwestlich und unterhalb des Klosterberges und unweit der heiligen Quelle (Püha allikas, hier im Bild), vor der Angelika gerade steht. Für die Gläubigen stehen Edelmetalleimer und Schöpfkellen bereit. Das so gewonnene Wasser kann direkt verkostet oder in mitgebrachte Behälter abgefüllt werden.
Vom Parkplatz sind es bis zur Quelle etwa 250 m Fußweg. Ein kapellenartiges kleines Bauwerk mit grünem Dach markiert den Standort. Der Quellaustritt erfolgt aus einem Rohr oberhalb des Beckens. Um hygienisch einwandfreies Wasser zu erhalten, sollte man das Wasser direkt aus dem Rohrauslauf entnehmen.
Unweit der Quelle befindet sich eine kleine Hütte mit einem Zugang zum oberflächennahen Grundwasser. Nach längerer Überlegung sind wir zu dem Schluss gekommen, dass hier Taufen durchgeführt werden könnten. Aber die Annahme kann auch vollkommen falsch sein.
Von der Quelle führt der Weg zunächst zum Kuremäe kloostri kalmistu, dem Friedhof des Klosters Kuremäe. Der befindet sich etwa 200 m nördlich des eigentlichen Klosterkomplexes. Es fällt auf, dass alle Kreuze gleich gestaltet sind.
Soweit wir das verstanden haben, soll dies unterstreichen, dass vor Gott alle Menschen gleich sind.
Der Zugang zu den Außenanlagen des Klosters ist tatsächlich noch offen und er ist gebührenfrei. Leider spielt das Wetter schon den ganzen Tag nicht mit. Es regnet kaum, aber ständig aufpassen zu müssen, dass die Linse des Fotos trocken bleibt, ist anstrengend. Wir umrunden fotografierend einmal die wirklich schöne Klosterkirche, wobei Michael ein Hinweisschild übersieht und sich gleich einen Rüffel einer Ordensfrau einfängt. Warum man die Kirche nicht von hinten fotografieren darf, erschließt sich uns nicht. Nun haben wir zwar den Rüffel, aber auch die Bilder. Sollte das Wetter morgen besser sein, können wir ja noch einen Rundgang starten, ansonsten geht es gleich weiter zum nächsten Ziel.
Das russisch-orthodoxe Nonnenkloster von Pühtitsa (deutsch Püchtitz) wurde zwischen 1892 und 1895 gegründet. Nach einer orthodoxen Legende kam es im 16. Jahrhundert in Kuremäe zu einer Erscheinung. Später soll unter einer alten Eiche eine Ikone gefunden worden sein. Nach heutiger These soll es sich damals um die Überreste einer Kapelle der Woten gehandelt haben. Danach wurde der Ort im Estnischen "geheiligt" (pühitsetud) genannt.
Spätestens seit 1608 ist in Kuremäe eine orthodoxe Kapelle nachweisbar. 1888 sandte eine Nonne des Ipatios-Klosters in Kostroma drei Schwestern nach Virumaa, um Kranke zu heilen. Diese erhielten 1891 die Erlaubnis der russischen Behörden, in Pühtitsa ein Nonnenkloster zu errichten. Patron des Baus wurde der Gouverneur des Gouvernement Estlands. Die Gründung des ersten orthodoxen Klosters in Estland rief den Widerstand der lutherischen deutschbaltischen Gutsbesitzer auf den Plan, die sich jedoch nicht durchsetzen konnten.
Im Mittelpunkt des Klosters steht eine Eiche mit einem Durchmesser von 4,3 m. Sie wird von den Gläubigen als geheiligter Baum angesehen. Um den Baum herum sind die Gebäude des Klosters angeordnet: die Wohnräume der Nonnen, die Winterkirche (Speisehaus), ein Krankenhaus, die Hauptkirche, der Glockenturm, die Heiligen Tore, eine Schule sowie das Gästehaus. Die Hauptkirche mit ihren fünf Kuppeln wurde 1908 bis 1910 gebaut. In ihr befinden sich drei Altäre sowie eine prächtig geschnitzte Ikonostase und wertvolle Wandmalereien. Die Kirche fasst 1200 Menschen.
Im Zweiten Weltkrieg besetzte die deutsche Wehrmacht das Kloster und richtete darin ein Kriegsgefangenenlager für sowjetische Gefangene ein.
Heute untersteht das Kloster wieder dem Patriarchat von Moskau und ganz Russland. Es leben etwa 100 Ordensschwestern und Novizinnen im Kloster. Die Schwestern pflegen eine traditionelle Lebensweise. Sie bieten aber auch für Interessierte Übernachtungen und Führungen an.
Der Klosterkomplex umfasst eine ganze Reihe von Gebäuden, die aber nicht alle für die Öffentlichkeit zugänglich sind.
Gemeinsam ist diesen, dass sie alle in einem top renovierten Zustand sind und ein wirklich tolles Gesamtbild abgeben.
Wie so oft gibt es auch im Umfeld der Klosteranlage noch eine ganze Reihe von sehenswerten Locations, die wir aber zumindest in diesem Jahr nicht mehr besuchen können. Hierzu gehören unter anderem die fünf idyllisch gelegenen Seen von Kuremäe (Puhatu järv, Puhatu Martiska järv, Pahanselja järv, Viinamardi järv und Korponi järv). Es sind beliebte Ausflugsziele für Wanderer und Angler.