Donnerstag, 25.09.2025 bis Sonntag 28.09.2025
Vom Stellplatz in San Juan de Gaztelugatxe soll es nun nach Bilbao gehen. Eigentlich haben wir uns schon mit dem innerstädtischen, kostenpflichtigen Stellplatz Kobetamendi angefreundet, scheuen aber die werktägliche Anfahrt durch die Großstadt. Bei der Suche nach Alternativen werden wir auf einen kostenlosen Stellplatz in Berango aufmerksam. Der liegt am nördlichen Ende des urbanen Großraums Bilbao und wäre deutlich einfacher anzusteuern. Weil der mehr oder weniger auf dem Weg liegt, sehen wir uns den jetzt einmal an.
Eine Karte von Bilbao mit einigen wichtigen Sehenswürdigkeiten und dem Stellplatz in Berango, der etwa 15 km nordwestlich des Stadtzentrums liegt. Das klingt weit entfernt, ist aber dank Metro näher an der City als man denkt. Die Entfernung zur Schwebefähre in Areeta beträgt 5 km (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Der Stellplatz ist ein kombinierter Womo- und Pkw-Parkplatz mit deutlich ausgewiesenen Flächen für Wohnmobile. Er bietet Platz für etwa 15 Fahrzeuge. Die Parzellen sind eng aber wir standen schon schlechter. Die VE ist kostenlos, Trinkwasseranschluss und Schwarzwasserspülung sind ordentlich getrennt. Die Polizei kontrolliert, wie im ganzen Baskenland einigermaßen regelmäßig und wir fühlen uns hier sehr sicher. Gelegentlich gibt es etwas Fluglärm und Züge sind auch zu hören, aber die könnten uns ja auch in die Stadt bringen. Nachts schläft man hier ganz ordentlich, dabei hilft es, dass der Platz auf einer Terrasse oberhalb der Straße liegt. Der Stellplatz ist während unseres 3-tägigen Aufenthaltes meist zu 90 Prozent gefüllt, eins, zwei Plätze bleiben aber immer frei.
Von britischen Mitcampern erfährt Michael, dass die Züge gar keine Züge sind. Es ist die Metro, die wir da hören und die fährt zu einem sehr günstigen Preis direkt ins Zentrum. Allerdings sind das, je nach Ziel bis zu 20 Metrostationen, also es dauert eine Weile. Bis zur Metrostation sind es 600 m Fußweg, ein Aldi befindet sich nur 100 m unterhalb des Stellplatzes. Wir dürfen hier 72 Stunden bleiben und können dann frei entscheiden, wann wir weiterfahren. In drei Tagen ist Sonntag, das passt ja bestens, denn da ist dann wenig Verkehr und wir können ganz bequem die Stadt verlassen.
Bei unserer Ankunft am Donnerstag ist uns die Zeit schon zu weit fortgeschritten um jetzt noch einen Stadtbesuch ins Auge zu fassen. Wir bringen unser Fahrzeug auf Vordermann, füllen unsere Vorräte auf und planen für die folgenden Tage.
Am Freitag morgen geht es endlich in die Stadt. Die erste Hürde ist der Ticketautomat der Metro. Das wird allerdings ein kurzer Kampf, weil eine sehr aufmerksame und freundliche Spanierin der Metrogesellschaft uns hilft. In Berango (letzte Station in der grünen Zone ganz rechts) fährt die Linie 1 in Richtung Zentrum, umsteigen ist nicht erforderlich. Auf der Hinfahrt müssen wir die Züge in Richtung Basauri, auf der Heimfahrt die Züge in Richtung Plentzia nehmen. Das sind die jeweiligen Endstationen. Pentzia liegt in Zone 1, Berango in Zone 2 und Abando, unsere innerstädtische Zielstation, in Zone 3. In Berango müssen wir also für zwei Zonen buchen.
Die selbe Linie, die uns ins Zentrum bringt, hat auch eine Station unten an der Hängeseilbahn (Station Areeta, noch in Zone 2 liegend). Vom Guggenheim Museum oder der Markthalle kann man nicht dorthin laufen, da bräuchte man schon Fahrräder.
Der Einzelfahrschein für zwei Zonen kostet 2,10 €. Für 8,40 € kommen wir beide also hin und zurück. Um Tageskarten bemühen wir uns diesmal nicht, weil wir nicht wissen, wie lange wir genau bleiben. Das könnte aber auch sinnvoll sein. Die Bahnsteige sind alle sehr sauber und die ganze Metro macht einen guten Eindruck. Wichtig ist es die Fahrscheine bis zum Verlassen der Zielmetrostation aufbewahren, die muss man beim Verlassen der Metro noch einmal durch den Automaten schicken, um rauszukommen.
Von der Metrostation Abando geht es kreuz und quer durch die Altstadt bis wir irgendwann auch den Zentralmarkt, den Mercado de la Ribera erreichen.
Von außen ist der Mercado de la Ribera reich mit Art-Déco-Verzierungen und dekorativen Elementen versehen.
Auch die Buntglasscheiben sind sehr gelungen. Insgesamt sind wir von dem Markt aber nicht so beeindruckt. Vermutlich sind wir inzwischen doch etwas verwöhnt. Immerhin sind die Waren sehr ordentlich präsentiert und hätten wir nicht schon den Kühlschrank voll, würden wir hier sicher zugeschlagen.
Von der Markthalle geht es am Rio Nervión entlang in Richtung Guggenheim Museum. Unmittelbar östlich des Rio Nervión befindet sich der Arenal Park bzw. dem Areatzako Parkea, mit einigen mächtigen, schattenspendenden Platanen. Unter den Baumriesen steht diese hübsche kleine Bühne, die im Sommer Heimstatt für das eine oder andere Konzert sein dürfte.
Etwa 500 m südöstlich des Guggenheimmuseums befindet sich diese futuristisch anmutende Stabbogenbrücke für Fußgänger über den Rio Nervión mit geschwungenem Gehweg.
Die Hochbrücke Puente de la Salve unmittelbar vor dem Guggenheim Museum gelegen.
Blick von der Puente de la Salve in südliche Richtung auf das Guggenheim-Museum. Das Guggenheim-Museum Bilbao ist ein Museum für moderne Kunst. Es hat eine Ausstellungsfläche von 11.000 m² und zeigt sowohl eine Dauerausstellung als auch Sonderausstellungen. Schwerpunkt ist die zeitgenössische Kunst des 20. Jahrhunderts, die auch Teil der Dauerausstellung ist. Objekte sind weniger Malereien und Skulpturen als Installationen, Videokunst und ähnliches. Das Museum ist eines von drei Museen der US-amerikanischen Stiftung Solomon R. Guggenheim Foundation.
Die Flussseite des Guggenheim Museums, am frühen Abend aufgenommen.
Die Riesenspinne Maman, flusseitig gelegen. Maman (1999) ist die größte Plastik aus der Spinnen-Serie der Künstlerin Louise Bourgeois. Sie ist über neun Meter hoch und trägt einen Beutel, der 26 Marmoreier enthält. Maman ist das französische Wort für „Mama“.
Maman (9,27 × 8,92 × 10,24 m, 8165 kg) ist ein Schlüsselwerk zum Verständnis von Bourgeois’ Kunst: Das Werk ist eine Hommage an ihre Mutter, die in Paris als Restauratorin von Tapisserien arbeitete und so, wie die Spinnen, immer wieder Gewebe erneuerte.
Klugscheißerwissen: Eine Tapisserie ist ein kunstvoller, gewebter Wandteppich mit bildlichen Darstellungen, der traditionell an Wänden hing, um Räume zu schmücken, zu isolieren und Macht zu repräsentieren. Sie wird als „Bildwirkerei“ (französisch tapisserie) bezeichnet, bei der die Motive mit farbigen Schussfäden in einen Grundstoff eingewebt werden und dadurch wie gemalte Bilder wirken. Ursprünglich eine luxuriöse Kunstform für Adelige und Herrscher, wird sie heute auch modern interpretiert.
Als wir uns in das Gebäude begeben, beeindruckt auch dort zunächst das Gebäude selbst mit einem mächtigen, lichtdurchfluteten Innenraum der etwas von einer postmodernen Kathedrale hat.
Viele Exponaten finden wir allerdings weniger beeindruckend. Das liegt einerseits an unserem fehlenden Kunstsachverstand andererseits daran, dass wir hier völlig unvorbereitet hineinstolpern. Zu den meisten Exponaten fällt uns deshalb nicht allzuviel ein. Einige, die uns dann doch aus unterschiedlichen Gründen beeindruckt haben, wollen wir aber kurz vorstellen.
Hier eine erste Installation, die aufgrund der Ausmaße und des Gewichts Fragen aufwirft und durchaus auch beeindruckt. Diese nennt sich The Matter of Time und wurde von Richard Serra im Jahr 2005 erschaffen. Die begehbare Installation aus 7 monumentalen Stahlskulpturen ist im Jahr 2005 mit 20 Millionen € das teuerste und mit gut 1000 t Gewicht wohl auch das schwerste Auftragswerk, das je für einen Museumsraum entwickelt wurde. Teil der ortsspezifischen Installation ist zudem die Arbeit Snake (1994-97), 31.70 m lang, 6.80 hoch, die Serra bereits für die Eröffnung des Museums schuf. Sie ist aus 6 konischen Formen zusammengesetzt. Die anderen 7 Arbeiten - ebenfalls aus 5.1 cm dicken Stahlblechen gefertigt, über 4 m hoch - sind begehbare Spiralen und "Labyrinthe", die der Besucher erkunden kann. Schön finden wir, dass man einerseits in diese Spiralen hineinlaufen kann und andereseits von einer Empore auch die monumentale Wucht des Exponats erkennt.
Mit modernen Videoinstallationen können wir in der Regel nicht allzuviel anfangen. Die haben uns in Vilnius eher etwas frustriert. Das ist diesmal allerdings zumindest bei Michael gänzlich anders. Im Museum präsentiert Refik Anadol mit „Living Architecture: Gehry“, auf einer riesigen Projektionsfläche eine audiovisuelle Installation, die Frank Gehrys architektonisches Erbe mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) und generativer Kunst neu interpretiert. Refik Anadol (* 1985 in Istanbul) ist ein türkisch-amerikanischer Medienkünstler und Architekt, der für seine Arbeiten mit künstlicher Intelligenz und Daten bekannt ist.
Das von Refik Anadol Studio entwickelte KI-Modell Large Architecture Model (LAM) basiert auf modernster Technologie und wurde monatelang mit einem umfangreichen Archiv frei zugänglicher Bilder, Skizzen und Baupläne trainiert, um Gehrys Architektursprache in sich ständig verändernde Landschaften dynamischer Formen, Farben und Bewegungen zu transformieren. In der Raummitte stehend, sitzend oder sogar liegend werden die Besucher von einem audiovisuelle Rausch gefesselt. Man muss sich ein wenig einsehen, aber wenn man genügend Geduld aufbringt und sich diesem Rausch öffnet, dann hat man das Gefühl man schwebt schwerelos durch den Raum. Michael zumindest war zeitweise wie in Trance, Angelika musste ihn wegzerren, er hätte sich diese Spektakel auch dreimal ansehen können.
Ergänzt wird dieses visuelle Spektakel durch eine immersive Klanglandschaft von Kerim Karaoglu, die KI-generierte Klänge mit im Museum selbst aufgenommenen Geräuschen verbindet. Die audiovisuelle Installation ist übrigens auch auf Youtube abzurufen. Doch genauso wenig, wie sich die Eindrücklichkeit eines kulturellen oder sportlichen Großereignisses auf einen Fernsehbildschirm übertragen lässt, lässt sich dieses Spektakel auf einem Computerbildschirm nachempfinden. Wer die Gelegenheit hat sich dieses Werk anzusehen, sollte sie nutzen.
Ebenfalls sehr gut gefallen hat uns die Spiegelinstallation „Infinity Mirrored Room – A Wish for Human Happiness Calling from Beyond the Universe“ (2020) von Yayoi Kusama. Mit dieser Installation erschafft die Künstlerin anhaltende Faszination für die Wirkung von Tiefe und Unendlichkeit leuchtende Strukturen, deren Effekte an das Unmögliche, das Magische und die Galaxis erinnern – etwas, das man sonst nirgends findet. In dieser Installation, die zuvor nur im Yayoi-Kusama-Museum in Japan gezeigt wurde, verwandelt die Künstlerin ihre beunruhigenden Halluzinationen in mystische Visionen, als würde man in den Sternenstaub des unendlichen Universums eintauchen (überwiegend Wikipedia entnommen). Michaels Meinung: Manches von dem, was oben gesagt wird, kann man gut nachvollziehen, aber beunruhigend ist an der Installation gar nichts.
Verglichen mit der in den Bildern suggerierten unendlichen Größe des Raumes ist der tatsächlich winzig und es können immer nur wenige Besucher für ganz kurze Zeit hinein, sonst würde die Warteschlange der Besucher unerträglich lange werden. Wir hatten am Besuchstag das Glück, dass wenig Andrang herrschte und konnten sogar zweimal hinein. Mit der Bewegung, der im Raum befindlichen Besucher ändern sich die von den Spiegelflächen zurückgeworfenen Bilder und es entstehen so immer neue Eindrücke. Ein wirklich tolles, aber leider sehr kurzes Erlebnis!
Die Biskaya-Brücke (Puente de Vizcaya) ist die älteste Schwebefähre der Welt. Die Brücke wurde am 18. Juli 1893 eröffnete und ist noch heute in Betrieb. Sie befördert jedes Jahr an die sechs Millionen Reisende und wurde konstruiert von Alberto de Palacio. Erbaut wurde sie von hart arbeitenden Handwerkern, die viel zu selten die ihnen eigentlich gebührende Wertschätzung erfahren. Sie war die erste Brücke der Welt, mit der man über ein Hängeschiff, das von einem Ufer zum anderen schwebte, über den Fluss fahren konnte. Danach wurde diese revolutionäre Technik in zahlreichen ähnlichen Brücken in Europa, Afrika und Amerika eingesetzt.
Das Übersetzen mit der Schwebefähre ist ein kostengünstiges Vergnügen und kostet aktuell 55 ct für Fußgänger. Möchte man auf die Hochbrücke, dann kostet dieses Vergnügen aktuell allerdings 8 €, Ermäßigung für Rentner gibt es keine. Die 40 m Höhenunterschied überwindet ein Aufzug, der inklusive Aufzugführer oder Aufzugführerin nur 4 bis 5 Personen fasst, sodass es an besucherintensiven Tagen schon mal dauern kann, bis man hoch kommt.
Die Flussbrücke über den Nervión ist 45 m hoch und 160 m lang und verbindet die Ortschaften Portugalete und Getxo miteinander. Michael muss da auf jeden Fall hoch. Die Brückentechnik und die Aussichten in alle Richtungen sind einfach zu verlockend. Und er ist der Ansicht, dass sich der Besuch dort oben in jedem Fall rentiert.