Montag, 09.06.2025 - von RMK Mustoja lökkekoth nach Lüganuse - 89 km
Seit gestern wissen wir, dass es heute wieder ziemlich feucht werden wird. Umso besser, dass wir uns in einem Gebiet aufhalten, in dem die touristischen Attraktionen eher Mangelware sind.
Trotzdem sind wir früh wach, denn wenn der Regen den Boden schon am Morgen stark aufweicht, könnten wir Probleme haben, den kleinen Anstieg mit Wurzeln und Sandlöchern zu meistern.
Michael schneidet noch einige Zweige zurück, um die Außenwand unseres Brummers etwas zu schonen, und dann sehen wir gegen 08:00 Uhr erst einmal zu, dass wir den Anstieg meistern und unser Gefährt auf sicherem Grund abstellen. Da es bisher nur tröpfelte, meistern wir diese Klippe ohne Probleme und sind nun abfahrbereit.
Obwohl wir selten weit entfernt von der Hauptstraße sind, hat man oft das Gefühl, mitten in der Wildnis zu sein. Überall grünt und blüht es und üppig wuchert die Vegetation.
Wir haben jetzt erst einmal noch ein gutes Stück Schotterpiste vor uns. Doch wie gestern schon ist dem Kies oder Schotter ordentlich Feinkorn aufgelagert, und so lässt es sich recht angenehm fahren. Entlang eines kleinen Flüsschens geht es nach Süden in Richtung der Weiler Haili und Vihula.
Zwei hölzerne Brücken führen über eine Insel und verbinden die Grünflächen einer ausgedehnten Parkanlage.
Ein ansprechendes Gebäudeensemble am Rande der Straße.
Der Himmel gewährt Michael einen kurzen Rundgang, bevor er seine Schleusen öffnet und unseren ersten ganztägigen Regentag einläutet. So wirklich klagen können wir allerdings nicht. Uns wurden inzwischen so viele Regentage vorhergesagt, die in einem bewölkten Himmel endeten, ohne dass wir nass geworden wären, da werden wir diesen Tag auch herumbekommen.
Zwischenzeitlich suchen wir Unterschlupf in einem Wäldchen irgendwo an der Ostsee mit Blick auf das Meer. Das Wäldchen bietet ein wenig Schutz vor den Niederschlagssalven, die heute echt lästig sind.
Ein kurzer Aufheller lässt uns auf Besserung hoffen, doch die Freude darüber währt nicht lange.
Also vergnügen wir uns mit Kreuzworträtseln, Buchführung, Reiseberichte schreiben und natürlich reichlich Kaffee. Trotz Dauerregens müssen wir irgendwann dann doch einmal sehen, dass es vorangeht. Und so steuern wir nun unser nächstes Ziel, die Burgruine von Toolse, an.
Das Kärtchen zeigt die Zufahrt zur Tolsburg von der Straße 170 aus (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).
Wir erreichen den Besucherparkplatz, sehen aber von einer Burgruine erst einmal gar nichts. Dem Netz entnehmen wir, dass es bis zur Ruine noch gut 450 m Fußweg sind. Bei schönem Wetter ein angenehmer Ausflug, aber heute sehr, sehr lästig. Ein Wohnmobil aus Rottweil hat hier wohl die Nacht verbracht und fährt gerade ab, als wir uns platzieren. Nun prasselt es erst einmal richtig heftig auf das Dach unseres Mobiles, denn der Himmel legt einen Zwischensprint ein und lässt ordentlich Wasser ab. Nach 15 Minuten beruhigt sich das Geschehen. Wir holen die großen Schirme aus dem Auto und marschieren los.
Dann schleppen wir uns von Buschgruppe zu Buschgruppe. Zum Glück ist es heute nicht windig, sonst könnten wir gleich wieder umdrehen. An den Bildern sieht man ja, dass es immer weiter regnet, wenngleich die Intensität abgenommen hat.
Und dann kommt die Burgruine endlich in Sicht. Auch wenn das Gemäuer über die Jahrhunderte deutlich gelitten hat, ist es immer noch ein beeindruckendes Bauwerk.
Im Jahr 1471 wurde die Deutschordensburg Vredeborch (später: Tolsburg, estnisch: Toolse Ordulinnus) auf einer Halbinsel am Finnischen Meerbusen errichtet. Die Tolsburg war die nördlichste und jüngste Ordensburg in Estland. Ihr Gründer war der damalige Ordensmeister des Livländischen Ordens, Johann Wolthus von Herse († 1472). Die Festung sollte vor allem den Strand und den dortigen Hafen gegen Angriffe von Seeräubern schützen, der besonders für die Stadt Rakvere von Bedeutung war.
Zunächst war die Burg eine dreistöckige Festung mit einem Turm. Bereits Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Festung mit einem Innen- und Vorhof erweitert und gegen den Einsatz von Schusswaffen besonders geschützt. Die Mauern waren 14 m hoch und 2 m dick. Später wurde die Ordensburg mit einem Torturm, dann an der Nordseite mit einem runden Kanonenturm verstärkt. An die Nordwand wurden zwei Dansker hinzugefügt.
Während des Livländischen Kriegs (1558–1583) wurde die Burg zerstört. Im 17. Jahrhundert wurde sie teilweise wiedererrichtet. Während des Großen Nordischen Kriegs wurde sie Anfang des 18. Jahrhunderts endgültig zerstört und schließlich aufgegeben.
Die Wand im Bildhintergrund wäre längst eingestürzt, hätte man sie nicht mit massiven Ankern in ihrer Position stabilisiert.
Große Teile des Mauerwerks weisen Risse auf. Ob das auf einen instabilen Untergrund oder auf Angriffe feindlicher Truppen zurückzuführen ist, ist schwer zu sagen.
Einigen Mauerwerksteilen hat man inzwischen mit Beton neues Leben eingehaucht.
Die Wiese um die Festungsmauern ist entgegen der landestypischen Totalrasur nur pfadbreit platt getreten und ein klein wenig mit dem Trimmer nachbearbeitet worden. Davon abgesehen ist sie klatschnass, sodass Michael recht schnell feuchte Füße und Hosenbeine bekommt und der ganze Spaziergang noch ungemütlicher wird, als er es ohnehin schon war.
Auch vor diesem Küstenabschnitt haben sich wieder zahlreiche Schwäne versammelt. Generell scheinen die Seevögel die mit Findlingen übersäten Küstenabschnitte zu lieben, weil sie viele Ruheplätze in sicherem Abstand zur Küste finden und so nicht befürchten müssen, von einem Fuchs oder Marder überrumpelt zu werden.
Zurück am Wohnmobil kann sich Michael erst einmal komplett umziehen. Das wenigstens geht in einem rollenden Heim sehr gut, denn Wechselkleidung haben wir mehr als genug dabei.
Auf der 170 geht es nach Osten in Richtung Kunda, dann weiter auf der 20 bis zur A1, wo wir nun wieder Fahrt aufnehmen, um rasch voranzukommen. Wir hatten uns für heute noch einiges vorgenommen, doch zum Dauerregen gesellt sich jetzt auch noch Nebel und es macht schon lange keinen Spaß mehr, auf der stark befahrenen Straße in Richtung Narva weiterzufahren. Besichtigungen jeglicher Art können wir vergessen. Für heute geben wir uns geschlagen und verlassen die A1 an der Straßenabzweigung nach Lüganuse. Dort soll es einen ganz ordentlichen Parkplatz geben, auf dem wir sicher stehen können. Und so ist es dann auch.
Der Nachmittag wird ein wenig langweilig, aber ein Besuch bei Coop im 1,5 km entfernten Nachbarort Püssi bringt dann doch noch etwas Abwechslung. Angelika geht alleine in den Laden und hat einiges zu erzählen, als sie wieder im Womo ist.
Sie hat den Eindruck, dass man hier schon deutlich die russischen Einflüsse im Osten des Landes spürt. Statt auf ein ganz normales Lebensmittelgeschäft, trifft sie auf ein Sammelsurium aus Raiffeisen-, Bau- und Lebensmittelmarkt. Die Lebensmittel sind nicht gerade geschmackvoll, sondern eher lustlos drapiert und liegen teils unmittelbar neben den Baumarktartikeln. In einem Nebenraum werden Waren in großhandelsüblichen Mengen verkauft. Das Auge scheint hier noch weniger mitzuessen als sonst, Hauptsache satt werden, Gourmets kommen hier eher nicht auf ihre Kosten. Lustig findet es Angelika trotzdem, denn das ist doch einmal eine ganz andere Zusammenstellung, als wir sie kennen.
Von Püssi fahren wir zurück zu unserem Übernachtungsplatz in Lüganuse und läuten den Fernsehnachmittag ein. Wir haben einen schönen freien Platz mit besten Empfangsbedingungen, eine Toilette auf der gegenüberliegenden Seite, und bleiben vollkommen unbehelligt. Mehr können wir angesichts des miesen Wetters heute nicht mehr erwarten.
Das Kärtchen zeigt die Zufahrt zum Übernachtungsparkplatz in Lüganuse (Quelle: OpenStreetMap, Lizenz CC-BY-SA 2.0).